NIB – Als Sylt noch aus Niebüll kam
Es gab eine Zeit, da stand auf jedem Sylter Auto in aller Bescheidenheit: Niebüll. Drei Buchstaben, N-I-B, und kein Wort von Kampen, keine Silbe von Westerland. Wer damals mit dem Porsche vor der Whiskymeile parkte, fuhr streng genommen ein Festlandsauto.
Heute würde so etwas eine Krisensitzung im Tourismusbeirat auslösen. Damals nahm man es hin. Man war ja auch nicht gefragt worden.
Wer jetzt an „NI“ denkt: Das ist Nienburg an der Weser. Schöne Stadt, sicher. Aber mit Sylt hatte sie nie etwas zu tun, außer vielleicht ein paar Urlaubern pro Saison.
Ein Kürzel vom Festland
Als die Bundesrepublik 1956 ihr neues Kennzeichensystem einführte, bekam jeder Kreis sein Kürzel. Sylt gehörte zum Kreis Südtondern, Sitz Niebüll. Also hieß es NIB, und zwar von List bis Hörnum.
Das hatte eine gewisse Logik. Wer ein Auto anmelden wollte, musste ohnehin über den Damm. Der Autozug brachte einen zur Zulassungsstelle, die Zulassungsstelle gab einem das Schild, und der Autozug brachte einen wieder zurück. Ein Kreislauf, wie ihn die Natur nicht schöner hätte erfinden können. Wir fuhren einen VW Käfer. Die Bilder dazu sind in irendeiner Kiste auf dem Dachboden.
Die Nachbarn hatten es übrigens auch nicht glamouröser. Husum fuhr mit HUS, Eiderstedt mit TÖN für Tönning. Nordfriesland bestand damals aus drei Kreisen, und keiner davon hieß nach einer Insel.
1970: Aus drei mach eins
Dann kam die Kreisreform. 1970 wurden Südtondern, Husum und Eiderstedt zum Kreis Nordfriesland verschmolzen. Seitdem steht NF auf den Schildern. Das ist zwar auch nicht „SYLT“, aber immerhin klingt es nach Landschaft und nicht nach Amtsstube.
Revolutionär war der Wechsel nicht. Neue Autos bekamen NF, alte durften ihr NIB behalten, solange sie nicht umgemeldet wurden. So rollte das alte Kürzel noch jahrelang über die Insel. Ein Auto mit NIB war in den Siebzigern gewissermaßen ein Altsylter mit Rad.
Wer damals Kind auf Sylt war, kennt beides. Und hat vermutlich nie darüber nachgedacht, bis jemand fragt.
NIB, das verschwundene Kennzeichen
Heute ist NIB ein Lost Place auf Blech. Man findet es bei Oldtimertreffen, auf Flohmärkten und gelegentlich an einer Garagenwand, wo es neben einem Emailleschild von Sinalco hängt. Wer eins besitzt, hütet es wie andere ihren Strandkorbschlüssel von 1968.
Seit 2012 dürfen Kreise alte Kürzel zwar wieder einführen. Nordfriesland hat davon bei NIB nach allem, was bekannt ist, keinen Gebrauch gemacht. Man könnte es Pragmatismus nennen. Man könnte es auch ein versäumtes Geschäft nennen: Ein Schild mit „NIB“ würde in Kampen vermutlich als Retro-Statement durchgehen und teurer gehandelt als manche Ferienwohnung pro Nacht.
SY: Sylt auf Umwegen
Während Nordfriesland zögert, hat ausgerechnet Niedersachsen geliefert. SY war bis 1977 das Kürzel des Landkreises Grafschaft Hoya mit Sitz in Syke. Seit April 2018 gibt es der Landkreis Diepholz wieder aus. Syke liegt südlich von Bremen, hat keinen Strand, keine Sansibar und keinen Autozug. Dafür hat es genau die zwei Buchstaben, nach denen sich halb Kampen verzehrt.
Denn Sylt-Liebhaber behelfen sich seit jeher mit Kombinationen wie NF-SY oder HH-SY. Ein echtes SY vorne wäre die Krönung. Und so überlegt mancher ernsthaft, ob ein Kennzeichen aus Syke nicht die eleganteste Form der Inselliebe wäre.
Der Haken: SY bekommt nur, wer sein Auto im Landkreis Diepholz zulässt, also dort gemeldet ist. Ein Zweitwohnsitz zwischen Weser und Hunte, nur fürs Nummernschild. Das wäre dann die erste Zweitwohnung, die man sich auf dem Festland nimmt, um auf Sylt angeben zu können. Ehrlicher wäre es allemal: Wer SY fährt, kommt ja tatsächlich nicht von hier.
Bis dahin bleibt es dabei. Sylt fährt NF, die Zulassung gibt es weiter in Niebüll, und der Autozug fährt auch noch. Manche Dinge ändern sich eben nur auf dem Schild.
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