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Kitesurferin vor Sylt rettet sich selbst – Rettungskräfte suchen weiter

Kiterin in Seenot vor List

In diesem Sylt News Artikel

Am Sonntagabend verliert eine Kiterin am Sylter Ellenbogen die Kontrolle über ihren Schirm, löst aus und schwimmt an Land. Die alarmierte Rettung sucht sie da schon auf dem Wasser. Was der Fall über Strömung, Kälte und die Grenzen des Königshafens verrät. 

Der Schirm steht noch, dann steht er nicht mehr. Die Leinen verdrehen sich, und ab diesem Moment ist das Ding über dem Wasser kein Antrieb mehr, sondern Ballast mit Leine dran. Kein Relaunch. Kein zweiter Versuch. Sonntagabend am Sylter Ellenbogen, die Kiterin trifft die Entscheidung, die jede Kiteschule in den ersten Stunden lehrt und die trotzdem schwerfällt, weil an dem Material vierstellige Beträge hängen: Sie löst aus, lässt den Schirm los und schwimmt.

Sie kommt an Land. Unverletzt. Das ist der gute Teil.

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Der andere Teil läuft parallel und weiß nichts davon. Ein Beobachter hat den Vorfall gemeldet, die Rettung ist alarmiert, das Boot läuft aus und sucht eine Person im Wasser, die zu diesem Zeitpunkt längst mit nassen Füßen im Sand steht. Natürlich wird daraufhin umgehend die Wasserrrettung informiert. Der Einsatz wird abgebrochen. Das Material treibt weiter und wird später geborgen.

Man kann diese Geschichte als glimpflich abhaken. Man kann sie auch zu Ende lesen, denn sie hat drei Stellen, an denen sie kippt.

Wenig Wind ist die gefährlichere Bedingung

Vor starkem Wind haben alle Respekt. Vor wenig Wind hat kaum jemand welchen, und genau das ist der Fehler.

Bei kräftigem Wind lässt sich ein abgeflogener Schirm meistens neu starten. Bei wenig Wind liegt er im Wasser wie ein nasses Bettlaken, die Leinen legen sich um sich selbst, und der Sportler hat nichts mehr, was ihn bewegt. Dasselbe gilt für Windsurfer mit gebrochenem Mastfuß oder gerissenem Gabelbaum. Was dann noch bewegt, ist das Wasser – und das Wasser bewegt sich am Ellenbogen auch dann, wenn die Luft es gerade nicht tut.

Die Strömung

Nördlich und östlich des Ellenbogens liegt das Lister Tief, der Priel zwischen Sylt und dem dänischen Rømø. Bis zu 40 Meter tief, rund drei Kilometer breit, und seit dem Bau von Hindenburgdamm und Rømødamm der einzige nennenswerte Zugang zum gesamten Wattenmeer zwischen den beiden Inseln. Durch dieses eine Nadelöhr laufen bei jeder Tide etwa 500 Millionen Kubikmeter Wasser rein und wieder raus.

Diese Zahl steht in jedem Nachschlagewerk und sagt den meisten nichts. Also einmal umgerechnet: 500 Millionen Kubikmeter, verteilt auf gut sechs Stunden, sind im Mittel rund 22.000 Kubikmeter pro Sekunde. Über den Querschnitt des Lister Tiefs verteilt ergibt das einen mittleren Strom in der Größenordnung von einem halben Meter pro Sekunde – und weil Gezeitenströme nicht gleichmäßig laufen, sondern zur mittleren Tidephase ihr Maximum erreichen, liegt der Spitzenwert deutlich darüber. In den Engstellen und über der Rinne sind zwei bis drei Knoten eine realistische Größenordnung, also etwa ein bis eineinhalb Meter pro Sekunde.

Und jetzt die Zahl, auf die es ankommt: Ein Freizeitschwimmer im Neoprenanzug, ohne Flossen, in Welle und mit Trapez am Körper, hält dauerhaft deutlich weniger als einen Meter pro Sekunde. Ein halber Meter pro Sekunde ist schon ambitioniert.

Wer das nebeneinanderlegt, hat die ganze Physik dieses Reviers beisammen. Gegen den Ebbstrom anzuschwimmen funktioniert am Ellenbogen nicht. Es fühlt sich nur für die ersten Minuten so an, als würde es funktionieren, und diese Minuten kosten die Kraft, die man später braucht.

Dasselbe gilt für die Rippströmungen an der Westseite, das Phänomen, das hier gern „Trecker“ heißt: Wasser, das Wind und Wellen an den Strand geschoben haben, sucht sich einen schmalen Rückweg zwischen den Sandbänken und läuft dort konzentriert und schnell seewärts. Die Regel dagegen ist alt und wird trotzdem jedes Jahr neu gelernt: nicht dagegen anschwimmen, sondern parallel zum Strand aus der Rinne heraus. Der Strom ist schnell, aber schmal.

17 Grad Wassertemperatur

Die Nordsee vor Sylt liegt aktuell bei etwa 17 Grad, im September-Mittel ebenfalls bei 17, mit einer Spanne von 14 bis 20 Grad. Ab jetzt geht es nur noch in eine Richtung.

Was 17 Grad mit einem Menschen machen, hat sich fast auf den Tag genau vor zwei Jahren an derselben Ecke gezeigt. Am 14. September 2024 verlor ein 28-jähriger Kiter im Königshafen sein Board und kam aus eigener Kraft nicht mehr an Land. Nordwestwind und ablaufendes Wasser trieben ihn hinaus. Die Besatzung des Seenotrettungsbootes der Station List fand ihn rund 1,5 Seemeilen entfernt, immer noch an seinem Kite hängend. Seine Körpertemperatur lag bei 32 Grad – trotz Neoprenanzug. 32 Grad ist schwere Unterkühlung, das ist der Bereich, in dem Muskelkoordination und Urteilsvermögen bereits weg sind. Er kam ins Krankenhaus.

Neopren verlängert die Zeit. Es hebt sie nicht auf.

Was der Königshafen kann – und wo er aufhört

Der Königshafen ist zu Recht berühmt: ein Stehrevier, das sich bei jeder Windrichtung befahren lässt, erwachsenenhüfttief, in dieser Form in Deutschland ziemlich einmalig. Befahrbar ist er aber nur etwa zwei Stunden vor bis zwei Stunden nach Hochwasser, weshalb sich die Zeiten täglich um rund 45 Minuten verschieben. Wer sich daran hält, hat eines der sichersten Reviere der Republik unter den Füßen.

Wer die Bucht verlässt, hat es nicht mehr. Draußen beginnt Wasser, in dem man nicht steht, mit Strom, gegen den man nicht anschwimmt, bei Temperaturen, die einem eine begrenzte Zahl von Minuten geben.

Für Anfänger und bei wechselnden Windbedingungen gilt deshalb ohne jede Einschränkung: außerhalb des Königshafens nichts verloren. Und wer sich unsicher ist, geht gar nicht erst raus. Ein ausgefallener Sessionabend ist ärgerlich. Die Alternative ist es mehr.

Die Sache mit dem abgebrochenen Einsatz

Bleibt der Teil der Geschichte, der am Sonntag niemanden gefährdet hat und beim nächsten Mal genau das tun kann.

Zwischen dem Moment, in dem die Kiterin an Land ging, und dem Moment, in dem das Boot die Suche einstellte, lag eine Lücke. In dieser Lücke suchten Menschen auf dem Wasser nach jemandem, der schon in Sicherheit war. Am Sonntag wurde rechtzeitig alarmiert. Trotzdem kostet jede Verzögerung aber Zeit, Besatzung und Aufmerksamkeit, und wenn parallel etwas Echtes passiert, kostet es genau das, was dann fehlt.

Die Konsequenz ist unspektakulär und dauert eine Minute: Wer aus dem Wasser kommt und auch nur vermutet, dass jemand ihn gesehen und gemeldet haben könnte, gibt Bescheid. 112 genügt, ein kurzer Satz genügt, Entwarnung ist genauso wichtig wie Alarm. Das gilt auch für Begleiter am Strand, für die Station und für jeden, der den Notruf abgesetzt hat.

Und weil Suchen leichter wird, wenn man weiß, wo: Die Seenotretter stellen mit SafeTrx eine kostenlose App bereit, die den Törn mitverfolgt und bei Überfälligkeit automatisch die vorher hinterlegten Kontakte und die Zentrale alarmiert. Kostet nichts, wiegt nichts, läuft im Hintergrund.

Die Kurzfassung für den Kühlschrank

  • Niemals allein auf die offene Nordsee. Am Ellenbogen gilt das doppelt.
  • Bei wenig Wind und bei wechselnden Bedingungen: Königshafen oder gar nicht.
  • Anfänger bleiben in der Bucht. Ausnahmslos.
  • Sicherheitssystem auslösen, bevor die Kraft weg ist. Material ist versicherbar, Zeit im kalten Wasser nicht.
  • Nicht gegen Strom oder Rippströmung anschwimmen – parallel zum Strand raus.
  • An Land: Entwarnung geben, wenn ein Notruf abgesetzt worden sein könnte.
  • Notruf: 112, UKW-Kanal 16. SafeTrx vorher installieren, nicht währenddessen.

Die Kiterin hat am Sonntag alles getan, was man tun soll. Sie hat ausgelöst, sie hat nicht um ihr Material gekämpft, sie ist geschwommen und angekommen. Das Einzige, was in dieser Geschichte noch fehlte, war ein Anruf.

Häufige Fragen

Wie stark ist die Strömung am Sylter Ellenbogen? Gesicherte Angaben gibt es für die Wassermenge: Durch das Lister Tief laufen bei jeder Tide rund 500 Millionen Kubikmeter. Rechnerisch ergibt das mittlere Strömungen um einen halben Meter pro Sekunde, mit Spitzen darüber; in Engstellen sind zwei bis drei Knoten eine realistische Größenordnung. Zum Vergleich: Ein Schwimmer im Neopren hält dauerhaft deutlich weniger.

Darf man am Ellenbogen kiten? Ja, der Königshafen ist ein etabliertes Revier – befahrbar etwa zwei Stunden vor bis zwei Stunden nach Hochwasser. Außerhalb der Bucht wird es für Anfänger und bei wechselndem Wind ungeeignet.

Warum ist wenig Wind gefährlich? Ein im Wasser liegender Kite lässt sich bei schwachem Wind kaum neu starten, die Leinen verdrehen sich. Der Sportler verliert seinen Antrieb, während die Gezeitenströmung unverändert weiterläuft.

Wie kalt ist die Nordsee jetzt? Rund 17 Grad, mit fallender Tendenz. Der September liegt im Mittel bei 17 Grad, die Spanne reicht von 14 bis 20 Grad.

Wie lange hält man sich bei 17 Grad Wassertemperatur? Das hängt von Körperbau, Anzug und Bewegung ab. Der Fall vom 14. September 2024 vor List zeigt die Größenordnung: Ein Kiter erreichte trotz Neoprenanzug eine Körpertemperatur von 32 Grad, also schwere Unterkühlung.

Was tun, wenn man in eine Strömung gerät? Nicht dagegen anschwimmen. Parallel zum Strand aus der Strömung heraus, dann zurück Richtung Land. Ruhig atmen, Kraft einteilen, auf sich aufmerksam machen.

Wen ruft man auf dem Wasser? 112 oder UKW-Kanal 16. Die SafeTrx-App der Seenotretter alarmiert bei Überfälligkeit automatisch.

Muss ich mich melden, wenn ich unverletzt an Land komme? Ja, sofern ein Notruf abgesetzt worden sein könnte. Ein abgebrochener Einsatz bindet Besatzung und Boot, die anderswo gebraucht werden.

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