Wer in diesem Sommer am Ellenbogen unterwegs war, hat es gehört, bevor er es gesehen hat. Es piept dort an allen Ecken, und zwar in einer Lautstärke, die man einem Vogel von rund 50 Gramm Körpergewicht nicht zutrauen würde.
Die Zwergseeschwalbe ist die kleinste Seeschwalbe Europas und der Seevogel des Jahres 2026 – eine Auszeichnung, die der Verein Jordsand nicht für Erfolgsgeschichten vergibt, sondern für Sorgenfälle. Im gesamten deutschen Nordseeraum brüten kaum noch 600 Paare. Das ist, um die Größenordnung einzuordnen, weniger als die Zahl der Betten in einem mittleren Sylter Ferienresort.
Über fünfzig dieser Paare haben in diesem Jahr in der Schutzzone am Ellenbogen genistet. Das sind nicht ganz zehn Prozent des deutschen Nordseebestands, auf einem Sandhaken im äußersten Norden der Insel, keine zwei Autominuten von einer mautpflichtigen Straße entfernt.
Dass das funktioniert, ist kein Zufall, sondern Technik. Seit fünf Jahren steht am Südstrand des Ellenbogens ein Elektrozaun, der die Brutkolonie vor Füchsen, Mardern und anderen Raubsäugern schützt – ein gemeinsames Projekt der Sylter Naturschutzverbände und der Listland-Eigentümer. Zwergseeschwalben brüten in einer flachen Kuhle im Sand, ohne Nest, ohne Deckung, ohne Fluchtplan. Ihr gesamtes Sicherheitskonzept besteht darin, dass man die Eier nicht sieht. Gegen einen Fuchs mit Nase ist das kein Konzept, sondern ein Büfett. Der Zaun ersetzt also, etwas unromantisch formuliert, das Raubtiergleichgewicht, das es auf einer dicht besiedelten Insel nicht mehr gibt. Mit profitieren Küstenseeschwalben, Sand- und Seeregenpfeifer, die dasselbe Problem haben.
Das Ergebnis: Seit Mitte Juni sind über vierzig Küken geschlüpft, unermüdlich versorgt von ihren Eltern mit Jungheringen und Sandaalen – Nahrung, die ein erwachsener Vogel im Rüttelflug aus dem Wasser holt, was zu den sehenswerteren Dingen gehört, die man auf Sylt umsonst beobachten kann.
Wenige Tage nach dem Schlüpfen beginnen die Küken, ihre Umgebung zu erkunden, was aus Elternsicht vermutlich der Beginn einer längeren Sorgenphase ist. Gegen Greifvögel und hungrige Möwen halfen kleine „Kükendächer“: schlichte Holzwinkel, unter die sich vor allem die älteren Küken bei den Brutvogel-Zählungen sichtlich dankbar verzogen. Wie in den Vorjahren bekamen die meisten Jungvögel einen Markierungsring, damit sich verfolgen lässt, wohin ihre erste große Reise führt – und Zwergseeschwalben reisen weit, bis an die westafrikanische Küste.
Es ist eine Naturschutzgeschichte ohne Konflikt, ohne Empörung und ohne Gegner, was sie medial ungefähr so attraktiv macht wie eine gut funktionierende Kläranlage. Sie ist trotzdem eine der besten, die diese Insel derzeit zu bieten hat.
Foto von Dûrzan cîrano
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