Sprachen haben meistens eine Armee, eine Flagge und ein Fernsehprogramm. Sölring hat nichts von alledem. Es wird auf einer Insel von überschaubarer Größe gesprochen und steht gerade im Zentrum von gleich zwei wissenschaftlichen Untersuchungen. Die Sölring Foriining bittet um Mithilfe bei beiden – und beide sind aus unterschiedlichen Gründen interessant.
Die erste kommt aus dem Tourismusmanagement, was zunächst nach einem Widerspruch klingt und keiner ist. Lisa Bonne, Studentin an der International University und nach eigener Auskunft Linguistin aus Leidenschaft, widmet ihr Praxisprojekt der Frage, was der Tourismus mit deutschen Minderheitensprachen macht. Das ist auf Sylt keine akademische Fragestellung, sondern eine, die man an jedem Ortseingangsschild ablesen kann: „Söl’ring“ steht dort unter dem deutschen Namen, in einer Sprache, die die meisten Menschen, die daran vorbeifahren, nicht sprechen – und die manche, die sie sprechen, im Alltag trotzdem selten benutzen.
Die Studie will die Perspektiven von Einheimischen und Gästen vergleichen, und dafür gibt es zwei getrennte Fragebögen. Für Einheimische und Muttersprachler lautet die Kernfrage: Wie nehmen Sie die Rolle Ihrer Sprache und Kultur im touristischen Alltag wahr? Für Gäste schlichter: Wie erleben Sie die regionalen Besonderheiten während Ihres Aufenthalts? Die Antworten dürften sich unterscheiden, und genau das ist der Punkt.
Die zweite Umfrage ist deutlich größer angelegt, und sie ist so etwas wie ein Familientreffen nach mehreren Jahrhunderten Funkstille. Denn Friesisch ist nicht eine Sprache, sondern drei: Nordfriesisch hier bei uns, Saterfriesisch in einem kleinen Landstrich in Niedersachsen, Westfriesisch in den Niederlanden. Dass diese drei zusammen eine eigenständige kleine Sprachfamilie innerhalb des Westgermanischen bilden, beginnt die Sprachwissenschaft gerade erst systematisch zu begreifen. In einem Kooperationsprojekt vergleichen die Fryske Akademy, das Seeltersk Kontoor, das Nordfriisk Instituut und die Christian-Albrechts-Universität Kiel sie nun erstmals miteinander.
Wer Friesisch spricht, weiß ohnehin, worum es geht: Keine zwei Menschen klingen genau gleich. Ein einziges Wort, manchmal ein einzelner Laut, verrät den Dialekt – und im Zweifel sogar die Familie. Diese Vielfalt ist der eigentliche Forschungsgegenstand.
Gesucht werden Sprecherinnen und Sprecher aller drei friesischen Sprachen, ausdrücklich unabhängig davon, ob man damit aufgewachsen ist oder es später im Kurs gelernt hat. Zu tun ist ein Online-Fragebogen zur eigenen Haltung zur Sprache plus ein paar kurze Sprachaufnahmen, veranschlagt sind rund 30 Minuten.
Eine halbe Stunde. So lange braucht man etwa, um von Westerland nach List und zurück zu fahren, wenn nichts los ist – was im August nie der Fall ist. Man könnte die Zeit also auch sinnvoll investieren.




