Der Westküstenradweg wird teuer. Sehr teuer. Nur: Wer soll da eigentlich fahren, wenn schon die Anreise mit dem Drahtesel ein Geduldsspiel ist?
Es gibt Zahlen, die muss man zweimal lesen. 2,2 Millionen Euro für den ersten Bauabschnitt des Westküstenradwegs in Westerland – vom Parkplatz am Campingplatz bis zum Robbenweg. Das sind laut Routenberechnung rund 1,2 Kilometer. Macht überschlagen etwa 1,83 Millionen Euro pro Kilometer oder, für Freunde der kleinen Einheit, rund 1830 Euro pro laufendem Meter.
Zum Vergleich: Für den Preis eines einzigen Meters Radweg bekommt man auf der Insel schon fast eine Nacht in der Hochsaison. Fast.
Fairerweise: In der Summe stecken nicht nur Asphalt und Bordsteine, sondern auch Ausführungsplanung (rund 20.000 Euro) und weitere Ingenieurleistungen wie Baugrunduntersuchung, Ausschreibung und Bauüberwachung (etwa 100.000 Euro). Eine belastbare Kostenberechnung soll ohnehin erst noch entstehen. Erfahrungsgemäß bewegen sich solche Zahlen selten nach unten.
Fünf weitere Abschnitte, null weitere Zahlen
Am Robbenweg ist nicht Schluss. Insgesamt sind sechs Bauabschnitte bis zum Waldwinkel vorgesehen. Was die restlichen fünf kosten? Offen. Wie viel die Gemeinde am Ende selbst zahlt? Auch offen – die Verwaltung hofft auf Fördermittel von Bund oder Land, bis zu 70 Prozent der förderfähigen Kosten seien bei Radverkehrsprojekten möglich. Ob das Geld kommt: unklar. Wann gebaut wird: unklar. Für den eigentlichen Ausbau des ersten Abschnitts ist in diesem Jahr noch nicht einmal Geld eingestellt.
Roland Klockenhoff (Grüne) formulierte es im Ausschuss so, dass man sich beim Westküstenradweg „sicher nicht mit Ruhm bekleckert“ habe; beim Radwegebau sei in den vergangenen Jahren „null Komma null“ passiert. Im bisherigen Tempo, warnte er, könne das Vorhaben bis 2030 dauern.
- Da haben manche der heutigen Planungsunterlagen selbst schon Anspruch auf Denkmalschutz.
Das eigentliche Nadelöhr liegt nicht auf Sylt
Und jetzt der Teil, über den in den Ausschüssen erstaunlich selten gesprochen wird: Bevor jemand über den schönen neuen Westküstenradweg rollen kann, muss das Rad erst einmal auf die Insel. Und genau da beginnt die eigentliche Farce.
Die offizielle Regel auf der Marschbahn heißt „Fahrgast vor Fahrrad“. Übersetzt: Räder dürfen grundsätzlich mit – solange der Zug es hergibt. Bei starker Auslastung, heißt es seitens der Bahn nüchtern, könne das bedeuten, dass Reisende mit ihrem Fahrrad am Bahnhof stehen bleiben. Sogar eine Empfehlung gibt es: Wer ab Westerland zurück will, möge die Züge zwischen 14 und 17.30 Uhr besser meiden.
Man stelle sich das in einem anderen Kontext vor. „Sie dürfen gern bei uns essen. Wenn wir aber viel zu tun haben, essen Sie draußen.“
Auch der neue ICE L, der ab Mai 2026 bis zu viermal täglich zwischen Berlin und Westerland verkehren soll, löst das nicht. Er bringt stufenlosen Einstieg, ein Bordrestaurant – und acht Fahrradstellplätze. Acht. Reservierungspflichtig. Und zwar hängend, das Rad muss also erst einmal in die Halterung gewuchtet werden. Für einen Zug, der explizit Urlaubsregionen bedient, ist das eine sportliche Auslegung des Begriffs Fahrradmitnahme.
Die Insel wirbt derweil mit 200 Kilometern gut ausgebautem Radwegenetz. Nur eben nach dem Motto: Kommen Sie gern, aber bringen Sie bitte nichts mit.
Mehr Räder oder weniger Autos?
Nun ließe sich einwenden: Wer keinen Platz für sein Rad im Zug bekommt, mietet eben eines vor Ort. Das stimmt – und ändert am Grundproblem nichts. Ein besserer Westküstenradweg wird kaum dazu führen, dass weniger Räder auf der Insel unterwegs sind. Eher mehr.
Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Vielleicht lässt der eine oder andere tatsächlich das Auto stehen, wenn die Strecke von Süd nach Nord irgendwann durchgehend, breit und sicher befahrbar ist. Das wäre der Sinn der ganzen Übung. Und dann wären 2,2 Millionen Euro für 1,2 Kilometer zwar immer noch eine stolze Summe – aber eine mit Zweck.
Nur: Damit das funktioniert, müsste die Kette vollständig sein. Zug, Rad, Weg, Abstellplatz. Derzeit ist sie an mindestens zwei Stellen offen. Wie ernst es um die Abstellsituation steht, zeigte zuletzt die Schrottrad-Aktion der Gemeinde im April, bei der ausrangierte Räder an Bahnhof und Innenstadt eingesammelt wurden, um Platz für die funktionierenden zu schaffen.
Und die Elisabethstraße? Immer noch ein wunder Punkt
Wir haben bei Sylt1 mehrfach darüber berichtet. Die Elisabethstraße soll zur Fahrradstraße werden, Autos dort grundsätzlich nur noch als Anlieger. Geschäftsleute liefen dagegen Sturm – sie fürchten weniger Kundschaft und Einbußen, insbesondere während der Bauphase. Schon Jahre zuvor waren Überlegungen, die Straße zur Fußgängerzone zu machen, nach Protesten wieder in der Schublade gelandet.
Die Politik hielt trotzdem am Projekt fest. Im März 2025 legte die Gemeindevertretung die Trassenführung fest und beauftragte die Verwaltung mit der weiteren Planung.
Und dann ist da noch der Punkt, den wir schon 2024 und 2025 aufgegriffen haben: der Wald an der Nordseeklinik. Für die Trasse sollte ein geschütztes Waldstück durchschnitten werden – ausgerechnet dort, wo Senioren in Höhe des Seenot-Parkplatzes Richtung Nordseeklinik ihren Spaziergang machen. Am Lornsenweg hatten rund 900 Menschen eine Petition gegen den Ausbau unterschrieben: gegen die Verlegung des vier Meter breiten Weges 20 Meter näher an den Strand, gegen das Fällen windschützender Kiefern, gegen Lebensraumverlust für Vögel, Insekten und Rehe.
Der Kern der Sorge war nie „Radfahrer sind böse“. Der Kern war: Wenn ein breiter, schneller Radweg quer durch ein Gebiet führt, in dem ältere Menschen und Reha-Gäste spazieren gehen, dann trifft E-Bike auf Rollator. Ortwin Merckens, Leiter der Senioreneinrichtung an der Steinmannstraße, hatte sich seinerzeit klar gegen das Vorhaben positioniert. Belastbare Unfallstatistiken, die den Ausbau an dieser Stelle zwingend begründet hätten, lagen nicht vor.
Der Westküstenradweg ist keine schlechte Idee. Eine durchgehende, sichere Nord-Süd-Verbindung für Räder ist auf einer Insel, die sich als Fahrradparadies vermarktet, eigentlich überfällig.
Nur wird gerade das Teuerste zuerst gebaut, das Wichtigste zuletzt geklärt – und das Nadelöhr, das über allem hängt, liegt sowieso auf dem Festland. Man kann für 2,2 Millionen Euro 1,2 Kilometer Radweg bauen. Man kann für deutlich weniger dafür sorgen, dass Menschen ihr Fahrrad überhaupt auf die Insel bekommen.
Idealerweise macht man beides. Nur eben in einer Reihenfolge, die auch jemandem einleuchtet, der nicht im Bau- und Planungsausschuss sitzt.
Quelle der Zahlen: MOPO
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