Über die Kunst, in Westerland auf einen Zug zu warten, der vielleicht kommt
Es ist 21 Uhr am Bahnhof Westerland, und etwas Bemerkenswertes geschieht: Die Toilette geht schlafen. Nicht irgendeine Toilette. Ein rund neunzig Quadratmeter großes WC-Center, 2011 komplett entkernt und neu gefliest, vom Betreiber damals in einer Pressemitteilung gefeiert als Anlage mit „angenehmer Atmosphäre“ — inklusive musikalischer Untermalung. Ein Klo mit Soundtrack. Auf Sylt geht man solche Dinge gründlich an.
Nur eben nicht abends.
Um 21 Uhr wird abgeschlossen. Was danach kommt — der Zug um 21.20 Uhr, der um 22.20 Uhr, das, was vom 22.30er noch übrig ist —, das kommt in eine Welt ohne Toilette. Und ohne warmen Raum. Und, je nach Jahreszeit, ohne alles außer Wind.
Die schönste Zuständigkeitslücke der Republik
Man möchte sich beschweren. Das ist der menschliche Reflex, und er ist gesund. Also fragt man bei der Gemeinde nach.
Die Gemeinde kann nichts machen.
Also fragt man beim Betreiber nach.
Der Betreiber kann auch nichts machen.
Denn ein Bahnhof ist kein Ort, ein Bahnhof ist ein Rechtsverhältnis. Wer dort was wie lange offen hält, entscheidet nicht die Insel, auf der er steht, und nicht die Firma, die die Kabinen putzt. Das entscheidet die Bahn. Die Insel darf den Bahnhof haben, hübsch finden, in Prospekte drucken und mit dem Wort „Tor zur Insel“ bewerben. Ändern darf sie nichts.
Das ist die eigentliche Pointe dieser Geschichte, und sie ist keine lustige: Es gibt hier keinen lokalen Ansprechpartner, den man mit Beharrlichkeit weichkochen könnte. Es gibt einen Konzern, und der ist weit weg, und der hat um 20 Uhr auch schon seine Information geschlossen.
Der Zug, der nicht kam
Der 22.30er ist in den vergangenen Jahren mit einer gewissen Regelmäßigkeit ausgefallen. Nicht immer. Aber oft genug, dass Pendler ihn nicht mehr als Versprechen lesen, sondern als Angebot zur Diskussion.
Was passiert, wenn er ausfällt, lässt sich gut ausrechnen. Da stehen mehrere hundert Menschen auf einem Bahnsteig, die seit sechs Uhr morgens auf den Beinen sind. Acht Stunden. Zehn Stunden. Pflege, Gastronomie, Handwerk, Einzelhandel, Kita, Reinigung — die Berufe, ohne die diese Insel binnen einer Woche stillstünde, und die man sich auf dieser Insel nicht leisten kann, weshalb die Leute, die sie ausüben, abends nach Niebüll, Bredstedt, Husum zurückfahren müssen.
Diese Menschen stehen dann da. Ein, zwei Stunden. Im Oktober. Im Januar. Bei Regen, der auf Sylt selten senkrecht fällt.
Und die Toilette hat zu.
Ein Angebot zur Gemeinschaftsbildung
Es gibt einen Vorraum. Man kann hinein. Er ist ebenfalls kalt, aber er hat ein Dach, und in der Not ist ein Dach schon eine ganze Menge.
Vielleicht — und hier will ich der Bahn ausdrücklich zugestehen, dass ich ihre Beweggründe nur erraten kann — vielleicht steckt dahinter ein Konzept. Ein Programm zur Stärkung des sozialen Zusammenhalts im ländlichen Raum. Menschen, die frierend beieinanderstehen, kommen ins Gespräch. Man rückt zusammen. Man teilt Wärme, Zigaretten und die Vermutung, dass es diesmal wieder nichts wird. Auf diese Weise entsteht, ganz ohne Fördermittel, eine Gemeinschaft.
Man müsste es nur so nennen. „Wärmestube durch gegenseitige Nähe.“ Es klänge sofort nach Innovation.
Die nüchterne Version lautet: Der Endbahnhof der Marschbahn, Kirchenweg 1, Zugang zu einer der teuersten Immobilienlagen Europas, hat laut den eigenen Ausstattungsdaten der Bahn keine Blindenleitstreifen. Fünf Bahnsteige, stufenfrei, immerhin. Aber keinen beheizten Ort, an dem ein Mensch nach zehn Stunden Arbeit auf einen verspäteten Zug warten könnte, ohne dabei auszukühlen.
Keitum und Morsum, oder: Es geht noch weniger
Wer nun denkt, Westerland sei ein Ausreißer, hat die Insel nicht zu Ende bereist.
Keitum glänzt mit fehlendem Aufenthaltsraum. Es gibt Unterstände — für ein paar Menschen. Nicht für alle, aber für ein paar, und wer schnell ist, hat gewonnen. Das ist Bahnsteig-Darwinismus, aber wenigstens mit Dach.
Und Morsum. Über Morsum möchte man eigentlich schweigen, so wie man über einen Bekannten schweigt, dem es gerade nicht gut geht.
Man muss sich das im Zusammenhang ansehen: Das ist keine Nebenstrecke ins Nichts. Das ist die einzige Landverbindung einer Insel mit rund achtzehntausend Einwohnern und Millionen Übernachtungen im Jahr. Der Hindenburgdamm ist ein Bauwerk, auf das die Bahn zu Recht stolz sein darf, und sie ist stolz darauf, in Broschüren, seit 1927. Am anderen Ende des Damms steht abends jemand im Nieselregen und überlegt, ob er es bis Niebüll aushält.
Die eigentliche Bewunderung
Und jetzt der Teil, der ernst gemeint ist.
Sie machen es trotzdem.
Jeden Werktag, seit Jahren, teilweise seit Jahrzehnten. Sie stehen um halb fünf auf, fahren über den Damm, arbeiten einen langen Tag in einem Betrieb, der ohne sie schließen müsste, und fahren abends zurück — oder eben nicht, weil der Zug gestrichen wurde, und dann warten sie. Sie warten mit einer Geduld, die in jedem anderen Kontext als Heldentum durchginge und hier nur „Feierabend“ heißt.
Sie beschweren sich erstaunlich wenig. Sie organisieren sich Fahrgemeinschaften für den Notfall, sie schreiben sich gegenseitig, wenn wieder etwas ausfällt, sie kennen die Zugbegleiter beim Vornamen und die Zugbegleiter kennen sie. Sie haben aus einer schlechten Infrastruktur eine funktionierende soziale hergestellt, was eine bemerkenswerte Leistung ist, für die ihnen niemand dankt.
Diese Insel lebt von Menschen, die sie sich nicht leisten können. Das ist kein Vorwurf an die Insel, das ist eine Tatsache über Immobilienpreise. Aber es bedeutet, dass die Marschbahn keine Freizeitstrecke ist, sondern eine Lebensader, und dass jeder ausgefallene Abendzug nicht einen Urlaub verkürzt, sondern eine Nachtruhe.
Eine sehr bescheidene Forderung
Man könnte jetzt Großes verlangen. Pünktlichkeit zum Beispiel. Verlässliche Abendverbindungen. Einen zweigleisigen Ausbau, über den seit Jahren geredet wird wie über ein Familienmitglied, das sich nie meldet.
Aber fangen wir kleiner an.
Ein warmer Raum. Einer. In Westerland. Mit Licht, ein paar Sitzgelegenheiten und einer Tür, die auch nach 21 Uhr aufgeht. Und eine Toilette, die sich am Fahrplan orientiert statt am Bürodienst.
Das ist keine Vision. Das ist eine Steckdose und ein Heizlüfter und der politische Wille, ein Schloss eine Stunde später zuzudrehen.
Zuständig ist die Bahn. Nur die Bahn. Es wäre also, ausnahmsweise, ganz einfach.
Bis dahin: Wer abends am Bahnsteig Westerland steht, sollte vorher aufs Klo gehen. Am besten schon in Kampen. Da ist ohnehin alles besser ausgestattet.
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