Es ist mal wieder Sommer auf Sylt. Das bedeutet traditionell: Die Sonne scheint (meistens), die Strände sind voll (immer) und die Debatte über die Zukunft unserer Insel erreicht Betriebstemperaturen, die jedem Saunaaufguss Konkurrenz machen. Aktuell stehen sich im Ring gegenüber: Die Initiative „Merret reicht’s“ (MR) und die Sylter Unternehmer (SU). Und wie bei jedem guten Inselstreit fliegen die verbalen Sandkörner tief.
Auslöser des aktuellen Streits ist unter anderem der Beschluss des Bauausschusses, die touristische Kellernutzung im Westerländer Bebauungsplan 28 zu verbieten. Doch der gesamte Plan droht ohnehin ins Wanken zu geraten – und das liegt an einem faszinierenden insularen Zahlenlotto. Eigentlich hatte man sich einmal sportliche 10 oder 30 Ferienwohnungen als hehres Ziel für den Plan gesetzt. Inzwischen ist man wundersamerweise bei 50 angekommen. Zur Erinnerung: Beim allerersten Versuch waren es sogar noch 70.
Dieses mühsam ausgehandelte Kompromiss-Konstrukt muss nun erst einmal die Hürde der Gemeindesitzung nehmen und dort befürwortet werden. Und selbst wenn das gelingt, wartet schon der nächste Endgegner: Das Land in Kiel wird den Beschluss im Anschluss mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ohnehin wieder fachgerecht absägen.
Geht die Gemeinde überhaupt von den richtigen Zahlen aus?
Mitten in dieses politische Tauziehen wirft SU-Chef Ole König nun eine ganz andere, geradezu existenzielle Frage auf. In einem Radiointerview ließ er durchblicken, dass zur Bewertung der aktuellen Lage offenbar ganz andere Zahlen zu den Ferienwohnungen existieren. Zahlen, die er zwar sehr genau zu kennen scheint, die der Gemeinde aber augenscheinlich gar nicht vorliegen. Das stellt den sprichwörtlichen Elefanten mitten in den Raum: Reguliert die Gemeinde bei all ihren drastischen Vorhaben womöglich im Blindflug und geht von komplett falschen Voraussetzungen aus?
Die Initiative „Merret reicht’s“ hält von solchen Überlegungen wenig und wirft König vor, eine falsche Kausalkette zu bilden, mit der er im wirtschaftlichen Abschwung „jedes Bett mit Mann und Maus verteidigen“ wolle. Der Unternehmerverband kontert prompt per offenem Brief: Man vertrete als demokratisch legitimierter Verein über 600 Mitglieder. Zudem weist der SU genüsslich darauf hin, dass auch die Protagonisten von „Merret reicht’s“ selbst – oder ihr direktes Umfeld – von jenem Tourismus und Immobilienhandel profitieren oder profitiert haben, den sie nun kritisieren.
Ein vorsichtiger Balanceakt
Sich als Berichterstatter in dieses leidenschaftliche Getümmel zu stürzen, gleicht dem Versuch, bei Windstärke neun unfallfrei eine Sandburg zu bauen. Schließlich profitiert am Ende fast jeder auf der Insel auf die eine oder andere Weise vom Tourismus – Medien und Redaktionen ausdrücklich eingeschlossen. Es erfordert durchaus einen gewissen Mut zur Lücke, wenn man sich gegen die Auswüchse des sogenannten Overtourism zur Wehr setzt.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sich nicht jeder Akteur in dieser Debatte immer wie ein Musterbeispiel britischer Zurückhaltung verhält. Wenn Diskussionen ins hoch Emotionale kippen und der SU-Vorsitzende auf Facebook in eine eher raue, beleidigende Richtung abdriftet, darf man sich als stiller Beobachter schon einmal dezent räuspern. Ein souveräner Meinungsaustausch auf Vorstandsebene sieht manchmal anders aus.
Ein Trost: Wir sind nicht allein
Vielleicht hilft uns bei all dem lokalpolitischen Bluthochdruck ein kleiner Blick über den Tellerrand: Sylt ist mit diesem Konflikt überhaupt kein Einzelfall. Wer an die Ostsee oder an andere Orte der Westküste schaut, hört exakt dasselbe Lied: Zu viele Gäste auf zu wenig Raum, sinkende Umsätze, die leidige Jagd nach illegalen Ferienwohnungen und der verzweifelte Ruf nach bezahlbarem Dauerwohnraum. Wir leiden also alle unter denselben Symptomen.
Da uns das Kieler Absägen des B-Plans noch bevorsteht, bleibt uns zumindest eine Gewissheit: Uns wird im kommenden Winter garantiert nicht langweilig. Bleibt nur die liebenswerte Hoffnung, dass wir zwischen all den Ideologien, Geschäftsinteressen und Facebook-Kommentaren irgendwann das finden, was wir uns alle wünschen: Eine Lösung, bei der die Insel ihren Charakter behält, die Wirtschaft nicht kollabiert und wir am Ende des Tages vielleicht sogar wieder entspannt gemeinsam ein Fischbrötchen essen können. In diesem Sinne: Durchatmen, Sylt!
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