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Alles auf Anfang im Lanserhof Sylt: Christian Sieglings radikaler Plan für List
Zehn Jahre lang war Christian Siegling das Gesicht des Severin’s in Keitum – ein Gastgeber mit Leib und Seele, der vermutlich mehr Champagnerkorken knallen hörte als Stethoskope. Doch nach einer Dekade im klassischen Luxussegment gelüstete es den 51-Jährigen nach einem Tapetenwechsel. Man könnte sagen: Er tauschte die Mitternachts-Hochzeit gegen die medizinische Sperrstunde.
Der Wechsel an die nördliche Spitze der Insel war für Siegling eine Zäsur im Terminkalender. Während im Hotel der Feierabend oft erst begann, wenn die letzten Gäste die Bar verließen, herrscht im Lanserhof ab 19 Uhr die sogenannte „medizinische Ruhe“. Ein Lebensstil-Wandel, der fast schon an Kurlaub für den Direktor selbst erinnert. Wenn die Mitarbeiter um sieben Uhr abends das Visier hochklappen, darf auch der Chef ohne schlechtes Gewissen den Heimweg antreten. Ein Luxus, den man sich auf Sylt erst einmal erarbeiten muss.
Doch wer jetzt glaubt, Siegling würde in List nur die gesunde Meeresluft beim Nichtstun genießen, der täuscht sich gewaltig. Als COO der gesamten Lanserhof-Gruppe jongliert er nicht nur mit den Befindlichkeiten in List, sondern bereitet zeitgleich den Sprung ins spanische Marbella vor. Der Lanserhof möchte raus aus der beschaulichen Familien-Nische und hin zur globalen Gesundheitsmarke. Dass dabei ein spanischer Investor mit an Bord ist, passt da natürlich hervorragend ins Bild – so weht bald ein Hauch von andalusischem Geschäftssinn durch das Lister Reet.
Allerdings – und da ist Siegling im Gespräch mit der SHZ bemerkenswert ehrlich – ist das Schiff in List noch nicht ganz so in Fahrt gekommen, wie man sich das bei der Kiellegung erträumt hatte. Eine Auslastung von knapp unter 50 Prozent lässt unter dem größten Reetdach der Insel doch noch recht viel Raum für Entfaltung. Pandemie, Lieferengpässe und explodierende Baukosten haben den Start nicht gerade zum Spaziergang am Ellenbogen gemacht.
Um die Betten – oder besser: die Behandlungsstühle – zu füllen, setzt man nun auf „Schärfung“. Sylt soll das Mekka für Kardiologie und Schlafmedizin werden. Wer also nachts kein Auge zubekommt, weil ihn die Insel-Immobilienpreise umtreiben, ist hier goldrichtig. Besonders spannend ist das neue Programm „Lans & Home“. Hier möchte man sich demütig der Inselökonomie öffnen. Sylter und Zweitwohnungsbesitzer dürfen nun zum „Longevity-Check“ vorbeikommen, ohne direkt das volle Übernachtungspaket buchen zu müssen.
Man will ein langes, gesundes Leben also auch denen ermöglichen, die nach der Behandlung wieder in die eigene Küche zurückkehren. Ein löblicher Ansatz, wobei wir natürlich gespannt beobachten, ob der „Longevity-Check“ preislich so gestaltet wird, dass auch ein durchschnittlicher Sylter Handwerker danach noch entspannt schlafen kann – oder ob die kardiologische Untersuchung aufgrund der Rechnung direkt zur ersten Belastungsprobe für das Herz wird. Die verschiedenen Therapieansätze haben schließlich ihren Preis, und Exzellenz gibt es selten zum Discounter-Tarif.
Der Lanserhof wandelt sich also: Vom abgeschirmten Elfenbeinturm für die internationale Elite hin zu einem Haus, das zumindest versucht, die Nachbarschaft mit einzubeziehen. Ob vier Tage Kurzaufenthalt für den gestressten Manager oder der Check-up für den Insulaner – in List wird kräftig am strategischen Rad gedreht.




