Nordsee, Südsee, eine Fähre: Was die „Westerland“ über zwei Inselwelten erzählt
Dass die alte Rømø-Fähre „Westerland“ am 6. Oktober vor Fidschi versenkt wurde, hat sich auf Sylt schon herumgesprochen. Wir haben nachgeschaut, wohin genau sie gefahren ist, wer dort sonst noch mit Schiffen aus Norddeutschland unterwegs war und was eine Wattenmeerinsel mit einem Südseestaat gemeinsam hat.
Kurz zur Erinnerung
Gebaut wurde sie auf der Husumer Schiffswerft, Stapellauf war 1970. Ab 1971 fuhr sie zwischen List und Havneby auf Rømø, zwischendurch machte sie Butterfahrten ab Kappeln, 2005 übernahm die „SyltExpress“. 2006 ging die „Westerland“ nach Fidschi, fuhr dort bis 2021 unter ihrem alten Namen und lag danach jahrelang am Strand von Mosquito Island bei Suva. Jetzt wurde sie im Rahmen einer großen Aufräumaktion im Hafen von Suva gereinigt, hinausgeschleppt und auf offener See versenkt. Sie ist das dritte von 17 Wracks, die dort verschwinden sollen.
Vom Lister Tief in die Südsee
Zu Hause war die „Westerland“ ein Kurzstreckenschiff. Ihre heutige Nachfolgerin braucht für die Strecke von Havneby nach List rund 40 Minuten. Dann kam die Überführung: von der Nordsee über die Kapverden, durch den Panamakanal und vorbei an Tahiti bis nach Fidschi, Ankunft im Januar 2007. Für ein Schiff, das 35 Jahre lang vor allem das Lister Tief gesehen hatte, war das die Reise seines Lebens.
In Fidschi wurde das Wasser wärmer und die Kundschaft eine andere. Statt Sylter auf dem Weg zum Einkauf nach Rømø fuhr sie Menschen und Fahrzeuge zwischen den Inseln des Pazifikstaats. Umbenannt hat sie niemand. In der Südsee haben also jahrelang Leute „Westerland“ gesagt, ohne je von der Friedrichstraße gehört zu haben.
Zwei Inselwelten, ein Gegner
So weit Sylt und Fidschi auseinanderliegen, mit dem Meer haben beide zu tun. Sylt verliert jedes Jahr Sand an die Nordsee, 2026 werden rund 1,3 Millionen Kubikmeter vorgespült, um das auszugleichen. Fidschi richtet gerade die Vorkonferenz zur Weltklimakonferenz COP31 aus. Laut Fiji Times nutzt die Regierung das Aufräumen im Hafen von Suva auch, um zu zeigen, wie ernst sie den Schutz des Ozeans nimmt. Premierminister Sitiveni Rabuka sagte, ein sauberer Hafen zeige der Welt, dass Fidschis Einsatz für das Meer mehr sei als Gerede.
Die Fähre aus Husum ist damit am Ende ihres Lebens noch Teil der Klimadiplomatie geworden. Vorher wurde sie von Öl, Treibstoff und Abfällen befreit, das Umweltministerium prüfte, die Seesicherheitsbehörde gab die Koordinaten frei, abseits von Fischgründen, Fahrrinnen und flachen Riffen. Bezahlt wird das Programm aus einem Fonds, den die Waitt Foundation und das Waitt Institute mit einer Million US-Dollar ausgestattet haben.
Norddeutsche Schiffe in der Südsee haben Geschichte
Die „Westerland“ ist dort nicht das erste Schiff aus dem Norden. Rund 750 Kilometer Luftlinie von Suva entfernt liegt Tonga, etwa so weit wie von Westerland nach München. Im Juli 1981 reiste König Taufaʻahau Tupou IV. persönlich zur Rolandwerft nach Bremen-Hemelingen, um seine neue Fähre anzuschauen: ein Schiff mit Landeklappe für sieben Millionen Mark, bezahlt vom Bonner Entwicklungshilfeministerium. Es hatte so wenig Tiefgang, dass es an jedem Sandstrand des Königreichs anlegen konnte. Eine Fähre, die keinen Hafen braucht: In Hörnum, wo seit rund 20 Jahren über die Zukunft des maroden Hafens diskutiert wird, dürfte man das mit Interesse lesen.
Noch früher kam der Handel. Das Hamburger Handelshaus Godeffroy baute im 19. Jahrhundert von Samoa aus ein Netz mit am Ende 45 Stationen auf, das bis nach Tonga reichte. 1876 schlossen das Deutsche Reich und Tonga einen Freundschaftsvertrag, von 1900 bis 1914 war der westliche Teil Samoas deutsche Kolonie. Als im August 1914 britische und französische Kriegsschiffe vor Apia auftauchten, wurde der deutsche Gouverneur als Kriegsgefangener nach Fidschi gebracht. Auch damals endete der deutsche Weg in der Südsee also in Fidschi.
Was bleibt
Die „Westerland“ liegt jetzt vor Suva auf dem Meeresgrund, fast 56 Jahre nach ihrem Stapellauf in Husum. Wer Fotos von der Überfahrt nach Rømø hat, an Deck oder mit der Fähre im Lister Hafen, kann sie gern an die Redaktion schicken.
Die „SyltExpress“ fährt die Strecke seit 2005. Von Fidschi erzählt man ihr besser nichts.
Quellen: The Fiji Times („3rd vessel removed from bay“); FBC News („Harbour cleared of another derelict vessel“, 8.10.2026); Fijivillage (6.10.2026); Pacnews/Blue Prosperity Fiji (8.10.2026); vesseltracker.com (IMO 7041091) und sylt-2000.de zur Geschichte der Fähre; insel-sylt.de (Fährzeit Rømø–List); Wikipedia („Deutsche Schutzgebiete in der Südsee“, „Deutsch-Samoa“); deutsche-schutzgebiete.de (Samoa 1914); yacht.de (Hafen Hörnum); Radio Bremen/buten un binnen (Archivvideo „König von Tonga auf der Rolandwerft“, 24.7.1981).
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