Operation „Möwenschreck“: Ein Agent der Ostsee auf Mission bei EDEKA Keitum
Vorabrezension vom Mittagstisch, 24.08.–29.08.26
Er kam mit der Fähre. Natürlich nicht wirklich, es gibt keine Fähre von Scharbeutz nach Sylt, aber so steht es im Bericht, und ein guter Agent lässt sich seinen Auftritt nicht von der Geografie kaputtmachen.
Sein Name: unbekannt. Sein Codename: OS-7. Sein Auftrag, unterzeichnet von der Abteilung für Wettbewerbsbeobachtung des Tourismusservice Ostsee: „Ermitteln Sie, ob an der Nordsee tatsächlich besser gegessen wird als bei uns. Widerlegen Sie das. Dringend.“
Seine Tarnung war makellos: Funktionsjacke in Windbreaker-Beige, Fahrradkarte in der Hand, und — ein Geniestreich der Zentrale — ein Angelköfferchen. Denn OS-7 hatte recherchiert: Das Zielobjekt in Keitum führt neben Supermarkt und Feinkost auch Angelbedarf. Ein Mann, der Blinker kauft, fällt nicht auf. Ein Mann, der Blinker kauft und dabei sechs Tage hintereinander den Mittagstisch fotografiert, schon eher. Aber dazu später.
MONTAG — Erste Berührung mit dem Feind
Currywurstpfanne mit Paprika & Kartoffelpüree — 8,90 €
Erster Eintrag im verschlüsselten Logbuch: „Preis auffällig. Verdächtig auffällig.“
OS-7 hatte mit allem gerechnet: mit Austern, mit Dekonstruiertem, mit einem Schaum, der irgendwas verspricht und nichts hält. Stattdessen: Currywurst. In der Pfanne. Mit Püree. Für 8,90 €.
Der Agent notierte kühl: „Vermutlich Ablenkungsmanöver.“ Dann aß er. Dann notierte er nichts mehr für elf Minuten.
Funkspruch an die Zentrale, 13:42 Uhr: „Püree cremig. Wiederhole: Püree cremig. Bitte um Rückmeldung, wie ich damit umgehen soll.“
Die Zentrale antwortete nicht.
DIENSTAG — Der emotionale Zwischenfall
Kohlroulade mit Wirsinggemüse & Salzkartoffeln — 9,90 €
Jeder Agent hat eine Schwachstelle. Bei OS-7 war es die Kohlroulade.
Im Ausbildungslager in Grömitz hatte man ihn auf Folter vorbereitet, auf Verhöre, auf Kaffeefahrten. Niemand hatte ihn auf eine Kohlroulade vorbereitet, die schmeckt wie bei einer Großmutter, die er nie hatte, aber ab diesem Dienstag schmerzlich vermisste.
Logbuch, zittrige Handschrift: „Ziel setzt psychologische Waffen ein. Wirsing als Druckmittel. Bin standhaft geblieben. (Habe nachgesalzen, um Haltung zu bewahren.)“
MITTWOCH — Eskalation
Schweineschnitzel mit Pfifferlingrahm & Bratkartoffeln — 10,90 €
Hier, so vermerkt der Bericht, „verlor die Mission ihre Unschuld“.
Pfifferlinge. Im Rahm. Zu Bratkartoffeln. Für 10,90 €.
OS-7 rechnete zweimal nach, dann ein drittes Mal auf der Serviette. Er kannte die Zahlen der Konkurrenz. Er kannte die Preise auf jeder Promenade zwischen Flensburg und Usedom. Was hier passierte, war nach den Regeln des Marktes nicht vorgesehen.
Notruf an die Zentrale: „Sie machen Pfifferlinge. Einfach so. An einem Mittwoch. Fordere Verstärkung an, alternativ Verständnis.“
Antwort der Zentrale: „Bleiben Sie im Charakter.“
DONNERSTAG — Die Tarnung fällt
Birne, Bohnen & Speck — 10,90 €
Es war der Moment, an dem alles kippte.
Ein norddeutscher Klassiker, der keine Erklärung braucht und trotzdem immer eine bekommt („also, das Süße der Birne, das Salzige vom Speck, das ist ja…“). OS-7 brauchte keine Erklärung. OS-7 wurde still.
Eine Zeugin am Nachbartisch berichtete später, der Mann in der beigen Jacke habe „nach dem dritten Löffel kurz aus dem Fenster geguckt und dann genickt, so wie Männer nicken, wenn sie etwas zugeben, was sie nicht zugeben wollen“.
Logbuch, Donnerstag: „Ich glaube, ich habe die Seiten gewechselt. Bitte um Versetzung ins Innenministerium. Oder hierher.“
FREITAG — Der Angriff auf die Kernkompetenz
Fangfrischer Angeldorsch mit Salzkartoffeln & Meerrettich-Sauce — 12,90 €
Jetzt wurde es persönlich.
Fisch war das letzte Bollwerk der Ostsee. Fisch war der Stolz, das Argument, der Grund, warum die Broschüren so aussehen, wie sie aussehen. Und dann stellten sie ihm hier einen fangfrischen Angeldorsch hin, mit Meerrettich-Sauce, für 12,90 €, ohne jede Ironie, ohne Zuschlag für Aussicht.
OS-7 kaute langsam. Er dachte an seinen Vorgesetzten. Er dachte an die Präsentation, die er halten sollte. Er dachte an die Folie mit der Überschrift „Warum wir besser sind“.
Dann bestellte er Nachtisch, den es gar nicht gab, nur um noch sitzen bleiben zu dürfen.
SAMSTAG — Kapitulation für 6,50 €
Hausgemachte Gulaschsuppe — 6,50 €
Der Rest war Formsache.
Sechs Euro fünfzig. Hausgemacht. Auf Sylt. Der Agent legte die Serviette hin wie ein Schachspieler den König.
Und als hätte das Zielobjekt gewusst, dass er bereits am Boden lag, stand da noch, ganz beiläufig, die tägliche Reserve: Nudeln Bolognese ab 7,50 €. Chili con Carne ab 7,50 €. Rindergulasch ab 9,50 €. Jeden Tag. Immer da. Wie eine freundlich lächelnde Übermacht.
ABSCHLUSSBERICHT OS-7 — ZUR VORLAGE BEI DER ZENTRALE
Auftrag: Nachweis der kulinarischen Überlegenheit der Ostsee. Status: Nicht erbracht. Begründung: Sie kochen dort einfach. Jeden Tag. Frisch. Zu Preisen, die man zweimal liest. Empfohlene Maßnahmen: Keine. Es gibt keine Gegenmaßnahme gegen eine gute Kohlroulade. Persönliche Anmerkung des Agenten: Ich habe im Angelbedarf einen sehr schönen Wobbler gekauft. Ich bleibe noch eine Woche. Dienstlich.
Der Tourismusservice Ostsee hat sich zu diesem Bericht bislang nicht geäußert. Agent OS-7 wurde zuletzt in Keitum gesichtet, dienstags, kurz vor zwölf, in der Schlange.
Mittagstisch bei EDEKA Johannsen in Keitum — täglich frisch für Sie gekocht. 24.08.–29.08.26 · Alle Angaben mit Allergenkennzeichnung im Aushang · edeka-keitum.de
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