Grätschen ja, Gift nein: Was das Inselderby von den Achtzigern lernen kann
Ein Kommentar zum abgebrochenen Inselderby, mit einem Blick zurück in die Achtziger, als die Stutzen noch unter dem Knie endeten und die Funktionäre einfach Kaffee tranken
Freitagabend in Keitum, Flutlicht, A-Jugend, Team Sylt gegen SC Norddörfer. Ein Derby, auf das sich die halbe Insel gefreut hatte. Es endete in der 91. Minute beim Stand von 5:3: abgebrochen, mit einem Polizeieinsatz, und jetzt muss das Sportgericht entscheiden. Dazwischen lagen eine zwanzigminütige Nebelpause, ein Rauchtopf in Vereinsfarben, Raketen nach dem Schlusspfiff und an der Seitenlinie ein Ton, den man eher von der Autobahnauffahrt kennt als vom Jugendfußball.
Wer jetzt sagt, früher sei alles besser gewesen, liegt falsch. Früher war es nur anders laut.
Als Tinnum noch 66 hieß
In den Achtzigern hatte die Insel nicht zwei Fußballvereine, sondern einen ganzen Strauß: Tinnum 66, den TSV Westerland, den SC Norddörfer. Manche Vereine stellten in der Jugend sogar zwei Mannschaften. Einmal spielte die B-Jugend tatsächlich gegeneinander, was ungefähr so selten vorkam wie Windstille am Roten Kliff.
Der Platzhirsch war immer der TSV Westerland. Der goldene Jahrgang um Ralf Möller und Jochen Wanemünde hatte die Sylter bis in die Bezirksliga geschossen. Entsprechend hoch hing die Latte für den Jahrgang danach, und entsprechend wenig Mitleid gab es für die Konkurrenz. Inselduelle endeten meist deutlich. Tinnum schlug Norddörfer zweistellig, Westerland gewann ohnehin. Die eigentlichen Gegner hießen Flensburg 08 oder Schleswig 06, und für die setzte man sich in den Bus.
Unvergessen bleibt ein Duell an der Tinnumer Schule, TSV Westerland gegen Tinnum 66. Heiß umkämpft war es, und, das darf man nach vierzig Jahren zugeben, auch reichlich unfair. Grätschen, die heute einen eigenen Videobeweis bekämen. Und nach dem Abpfiff? War alles gut. Am Montag saß man nebeneinander in derselben Klasse. Man respektierte sich, auch weil man wusste: Wer in dieser Saison drüben spielte, trug in der nächsten vielleicht das eigene Trikot. Die Funktionäre waren entspannt, es war halt Jugendfußball. Niemand rief die Polizei, höchstens die Mutter, wenn das Abendbrot kalt wurde.
Viele Namen von damals stehen bis heute am Spielfeldrand. Manche stehen sogar noch auf dem Platz, und wenn es beim Walking Football ist.
Die Spieler sind nicht das Problem
An der Liebe zum Spiel hat sich nichts geändert. Wer heute auf dem Platz steht, liebt den Fußball genauso wie wir damals, und die Zuschauer lieben Derbys wie eh und je. Was sich geändert hat, ist das, was von außen hereingetragen wird: Bösartigkeit und Arroganz, in Worten und manchmal in Taten. Und die kommen erstaunlich oft von Leuten, die es besser wissen müssten.
Vor ein paar Wochen durfte ich auf der Insel ein Herrenspiel anschauen. Neben mir standen aktive Spieler einer anderen Herrenmannschaft, die sich die gesamte Partie über die Spieler auf dem Platz lustig machten. Sogar die Schuhe wurden zur Pointe: gute alte Copa, der Klassiker, den jeder kennt, der je einen Ball getreten hat, und den manche heute noch tragen.
Man darf an dieser Stelle ruhig einmal ehrlich sein. Wäre die Spöttertruppe vor 35 Jahren auf den Platz gekommen, hätte der damals vier Ligen höher spielende TSV Westerland sie wohl auseinandergenommen. Der Kollege, der sich so über die Schuhe mokierte, mit Stutzen bis über die Knie und bunten Ballettschuhen, ganz Ronaldo, wäre vom grimmigen TSV-Innenverteidiger vermutlich bis nach List gejagt worden. In Copa, versteht sich, und unterwegs hätte der ihn noch dreimal getunnelt. Ohne Rückfahrkarte.
Jede Generation hat eben ihre Macken, ihre Idole und ihre Sorgen. Und jede ihre Schuhe. Der Fußball macht uns trotzdem alle gleich: dasselbe Kribbeln, dasselbe Gefühl, wenn in der 92. Minute der glückliche Siegtreffer fällt.
Es geht auch anders herum
Ich habe auch das Gegenteil gesehen, und zwar ausgerechnet von der verspotteten Mannschaft. Bei einem späteren Spiel der Spötter standen zwei ihrer Spieler schüchtern am Platz, in ihrer Mitte der Trainer, und sie freuten sich über jede gelungene Aktion der Sylter. Die stoppten den Ball an diesem Abend zwar weiter, als sie ihn schießen konnten, aber das tat der Freude keinen Abbruch. Kein Spott, keine Sprüche, keine Retourkutsche, einfach Daumen drücken für die Insel. Genau so sehen Vorbilder aus.
Was niemand braucht, sind Erwachsene, die beschimpfen und diffamieren und das dann Derby-Stimmung nennen. Von erwachsenen Spielern und Zuschauern darf man erwarten, dass sie ihre Sprösslinge bremsen, wenn die „Scheiß Team Sylt“ oder „Scheiß SCN“ über den Platz brüllen. Kinder lernen nicht von dem, was man ihnen sagt, sondern von dem, was sie neben sich hören.
Was der Fußball für uns tut
Als ich nach Jahren auf die Insel zurückkam, bin ich als Erstes zu den Alten Herren ins Training gegangen. Da saßen sie in der Kabine, die Gegner und Mitspieler von damals: etwas breiter, etwas grauer, aber mit denselben Sprüchen. Ich war wieder zu Hause.
Fußball vergisst man nicht. Man erinnert sich ein Leben lang an die eine Grätsche von Uwe G., die einen fast die Karriere gekostet hätte. Hätte er getroffen. Man erinnert sich an den Kopfball im Sylt-Stadion, der in der eigenen Erinnerung von Jahr zu Jahr ein bisschen spektakulärer wird. Und man erinnert sich an die Derbys, an jedes einzelne.
Die ganzen Alten erinnern sich an die Tage, an denen die ganze Insel hinter einer Mannschaft stand. Als der TSV Westerland in den Siebzigern im DFB-Pokal auf Borussia Dortmund traf, gespielt wurde in Leck, ging das Spiel 0:4 verloren. Trotzdem war ganz Sylt schier aus dem Häuschen. Ob Tinnumer, Norddörfer oder Westerländer: An diesem Tag gab es keine Dörfer, nur eine Insel, die an einem Strang zog.
Was bleibt, sind die Freundschaften. Die halten ein Leben lang, über Vereinsfarben, Abstiege und Kreuzbandrisse hinweg. Gerade deshalb ist der Fußball mehr als ein Spiel. Er ist ein Stück Kitt, der diese Gesellschaft ein wenig zusammenhält, auf einer Insel vielleicht noch mehr als anderswo.
Genau dieses Gefühl sollten wir den Kindern und Jugendlichen mitgeben: Du bist willkommen, egal in welchem Trikot. Nicht Hass, nicht Ignoranz, nicht Arroganz. Wer heute als 17-Jähriger am Spielfeldrand beleidigt wird, soll in dreißig Jahren trotzdem gern bei den Alten Herren in der Kabine sitzen, neben genau dem, der ihn damals umgegrätscht hat.
Bei Duellen mit Festlandteams mag das der eine oder andere anders sehen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Und Pyro?
Pyrotechnik ist nicht des Teufels. Angemeldet und mit Vereinen und Ordnungsamt abgesprochen, macht sie einen Flutlichtabend sogar besonders. Nur bitte so, dass niemand am Rand gefährdet wird und der Kunstrasen hinterher noch ein Kunstrasen ist und kein Grillrost. Die Vereinsfarben sehen im Rauch übrigens deutlich besser aus, wenn danach weitergespielt wird.
Was bleibt
Was in Keitum genau zum Abbruch geführt hat, klären jetzt Schiedsrichterbericht und Sportgericht. Ausbaden wird es wohl einer der beiden Vereine. Nach den Worten des Schiedsrichters dürfte das der SC Norddörfer sein.
Team Sylt und der SC Norddörfer stehen für fairen Fußball und ein gutes Miteinander. Das finden wir jedenfalls, und daran ändert ein verunglückter Freitagabend nichts. Wir halten beiden Mannschaften weiter die Treue, an kalten Herbstabenden, mit Kamera, Block und Stift. Und wir berichten euch davon.
Gern auch wieder von einem Derby, das in der 90. Minute regulär abgepfiffen wird.
Alex Lenz
Unsere Partner
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