Ein Pub-Abend im Kursaal in Westerland
Irish Folk ohne Schnörkel: Nach 25 Jahren und über 700 Konzerten haben The Stokes den Alten Kursaal in Westerland zum Kochen gebracht. Das Publikum sang laut mit, und am Ende gab es noch einen Tipp, wie man als Fan einer Band wirklich hilft. Auf Sylt1Audio spielen wir den einen oder anderen Folksong. Hört mal rein!
Sylt, 22. September 2026 – Eigentlich gehört diese Musik in eine kleine Kneipe: niedrige Decke, dunkles Holz, und auf dem Tresen steht das eine oder andere Glas, das weitergereicht wird. Stattdessen waren es am Dienstagabend Stuhlreihen im Alten Kursaal. Der Saal war bis auf wenige Plätze ausverkauft. Die drei Musiker haben die Halle trotzdem schnell in ein Pub verwandelt, ganz ohne Tresen, nur mit Stimmen und Instrumenten.
Die drei spielen seit 25 Jahren zusammen und haben über 700 Konzerte gegeben. Das merkt man in jedem Takt. Kevin Sheahan, gebürtiger Ire und Frontmann, singt und spielt Gitarre. Jörg Gleba spielt Banjo, Mandoline und Squeezebox, und zwar in einem Tempo, bei dem man um die Saiten fürchtet. Roland Noack spielt Irish Flute, Tin Whistles und Bodhrán. Er wirkt dabei so gelassen, als würde er sich denken: Die beiden können ruhig noch schneller werden, ich komme mit. Alle drei sind hervorragende Instrumentalisten, und keiner von ihnen muss das beweisen. Die Band verzichtet auf Effekte und Soundexperimente, sie spielt Irish Folk, wie er sein soll.
Die Stimmen klangen irisch. Kann man überhaupt irisch klingen? Man kann. Das liegt am Timbre, aber noch mehr an einer Haltung. In Irland ist Singen keine Sache für die Bühne, sondern etwas, das alle angeht. In den Pubs gibt es Singing Sessions, bei denen einer nach dem anderen sein Lied vorträgt. Viele haben dafür ein festes Stück, ihren „party piece“. Singt jemand allein, wird es still im Raum, oft mit einem gezischten „Order for the singer!“. Geht es in den Refrain, singen alle mit. Es gibt die alte, unbegleitete Gesangsweise Sean-nós, es gibt die Balladen, die ganze Geschichten erzählen, und es gibt Lieder, die man einfach schon immer kennt. Genau das haben die Stokes nach Westerland gebracht. Das Publikum klatschte eifrig mit, und manche Gäste konnten erstaunlich viel Text.
Beim Singen wurde es auch lehrreich. Bei einem schottischen Lied rollten die R so kräftig, dass man die Highlands förmlich vor sich sah. Zwischen den Songs erklärten die drei, wie die irische Musik funktioniert, und zwar nahbar und mit viel schwarzem Humor. Man erfuhr zum Beispiel, dass irische Lieder eigentlich von der Liebe handeln und gar nicht vom Alkohol. Der Saal hat das freundlich zur Kenntnis genommen und bei „Whiskey in the Jar“ trotzdem am lautesten mitgesungen. Genauso laut wurde es bei „Dirty Old Town“. Dass diese Hymne jedes Irish Pubs ausgerechnet ein Engländer über ein Industriestädtchen bei Manchester geschrieben hat, nämlich Ewan MacColl über Salford, hat an diesem Abend niemanden gestört. Das passt auch: Die Stokes sind selbst eine irisch-deutsche Band, und für Irish Folk braucht man keinen irischen Pass.
Ernst wurde es kurz, als es um Spotify ging. Was Profimusiker pro Stream verdienen, beginnt nach Angaben der Band erst mehrere Stellen hinter dem Komma. Die großen Summen gehen an die großen Namen, und viele Künstler kommen trotz vieler Abrufe nicht auf ein Einkommen. Deshalb zählen die Konzerte und der CD-Verkauf. Wer hat heute noch einen CD-Player? Egal, fand die Band: Kauft die CD und streamt danach mit gutem Gewissen. So kann man den Vorschlag verstehen, und er ist gut.
Unterm Strich waren das gut angelegte 28 Euro. Elke Wenning hat bei der Auswahl der Künstler wieder einmal ein gutes Händchen bewiesen. Und wer an diesem Abend dabei war, weiß jetzt auch, warum die Stokes gern die Nachfolger der Dubliners genannt werden. Sláinte!
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