Sylt News
Deutsche Bahn nach Sylt – Survival-Training statt Schienenverkehr: Ein Gourmet-Trip mit Gefrierbrand
Wer braucht schon Wellness, wenn er die Deutsche Bahn hat? Ein Erlebnisbericht über unfreiwillige Kryotherapie, die Stille der App und das Bermuda-Dreieck Nordfriesland.
Es war ein Abend für Feinschmecker. Unser Team war für das Gourmet Festival Schleswig-Holstein im Einsatz. Feine Weine, exquisite Speisen, gehobene Lebensart. Doch wie wir wissen, sorgt das Universum stets für Ausgleich. Wer Champagner schlürft, muss danach Staub schlucken – oder in unserem Fall: Eiskristalle atmen. Denn die Rückreise auf die Insel am Freitagabend nach 22:30 Uhr entwickelte sich zu einem Survival-Abenteuer, für das man bei Jochen Schweizer viel Geld bezahlen müsste.
Das Vorspiel: Ein Hauch von Ahnung
Dabei hätten wir gewarnt sein müssen. Schon die Hinfahrt war ein subtiler Hinweis des Schicksals, dass wir unsere Ansprüche an Mobilität heute besser an der Garderobe abgeben. Der 17:00-Uhr-Zug? Fiel aus. Einfach so. Wahrscheinlich zu viel Gegenwind oder die Schienen waren zu nass. Der 17:30-Uhr-Zug kam dann gnädigerweise – mit entspannten 30 Minuten Verspätung. Man will den Gast ja langsam entschleunigen.
Die App: Ein Schweigegelübde in Digital
Aber das war nur das Aufwärmprogramm. Das Hauptgericht servierte uns die Bahn nach Drehschluss. Wir standen am Bahnsteig, bereit für die Heimkehr. Ein Blick auf die App: Alles grün? Nein, alles leer. Keine Warnung, kein rotes Ausrufezeichen, keine Push-Nachricht. Die Bahn-App übte sich in digitaler Askese.
Die Realität sah anders aus: Der Zugverkehr war eingestellt. Einfach weg. Wie das Taxi in Klanxbüll.
Klanxbüll: Wo die Hoffnung stirbt (und Taxis Geschichte sind)
Apropos Klanxbüll. Ein malerischer Ort, besonders nachts bei gefühlten minus fünf Grad auf einem zugigen Bahnsteig. Hier lernt der moderne Reisende Demut. Wer naiv glaubt, man könne ja „einfach ein Taxi nehmen“, lebt noch in der Vergangenheit – genauer gesagt im Jahr 2023. Denn wir lernten schnell: Der örtliche Taxi-Unternehmer hat zum 1. Januar aufgehört. Ersatz? Fehlanzeige.
Der Bus? Fährt sicher. Morgen früh um 5:00 Uhr.
Da steht man nun. Das exquisite Abendessen droht, sich aufgrund der Kälte im Magen zu einem Eisblock zu verfestigen. Man schaut sich um. Andere Reisende schütteln die Köpfe in einer Choreografie der Verzweiflung. Es gibt kein Entkommen. Das ist kein Bahnsteig mehr, das ist ein Open-Air-Gefängnis mit Windgarantie.
Niebüll – Itzehoe: Die große Stille
Als Sahnehäubchen auf diesem Eisbecher der Mobilität erfuhren wir dann noch ganz nebenbei – quasi als Flurfunk unter Frierenden –, dass der komplette Zugverkehr von Niebüll nach Itzehoe eingestellt ist. Für vier Tage. Bis Dienstag…. Eine Information von solcher Tragweite hätte man vielleicht kommunizieren können. Aber warum die Spannung verderben? Überraschungen halten die Beziehung zwischen Kunde und Dienstleister ja bekanntlich frisch. Oder in diesem Fall: tiefgekühlt.
Fazit: Gastfreundschaft schlägt Infrastruktur
Bei diesen Temperaturen stundenlang ohne Informationen in der nordfriesischen Pampa zu stehen, grenzt an ein biologisches Experiment zur Kälteresistenz. Juristen würden vielleicht das Wort „Körperverletzung“ prüfen, wir nennen es „rustikales Erlebnis-Marketing“.
Dass wir nicht als Eisskulpturen endeten, verdanken wir allein den Nordfriesen. Die sind nämlich – im krassen Gegensatz zum hiesigen Mobilitätskonzept – warmherzig, verlässlich und gastfreundlich. Wir kamen privat unter.
Die Moral von der Geschicht’: Wer in Schleswig-Holstein schick essen will, sollte Schlafsack und Zelt einpacken. Oder gleich ein eigenes Taxi-Unternehmen gründen. Der Markt in Klanxbüll wäre ja jetzt frei.




