Satire
Der gefährlichste Platz der Insel?

Jörn Ingwersen hat sich Gedanken zu den gefährlichsten Plätzen der Insel gemacht und landet gleich einen grandiosen Text….
Sollte es auf Sylt einen furchteinflößenderen Ort geben als die Friedrichstraße an einem regnerischen Sommertag, dann dürfte es wohl die sogenannte Bäderstraße sein, die gern genutzt wird, um den nervigen Keitumer Bahnübergang und den Westerländer Bahnhofsstau zu umfahren. Gehörten die Tinnumer Wiesen früher zu den einsameren Orten der Insel, erinnert die schmale Buckelpiste heute an den berüchtigten Autoput, auf dem einst zahllose Gastarbeiter auf dem Weg in ihre alte Heimat zu Tode kamen. Generationen von Syltern haben in den Tinnumer Wiesen das Führen eines Kraftfahrzeugs erlernt – unvergessen der Moment, in dem meine ungeübte Mutter die nagelneue Limousine meines Vaters um ein Haar rückwärts in den Graben gesetzt hätte.
Heute müssen nicht nur Außenspiegel um ihr Leben fürchten, wenn panzergleiche Personenkraftwagen auf einander zuhalten und hinter getönten Windschutzscheiben angstverzerrte Mienen sichtbar werden, kurz bevor einer im letzten Augenblick zuckt und sich mit den frisch geputzten Rädern seines Geländewagens widerwillig ins Gelände wagt. Neulich kam uns ein goldener Bentley SUV rückwärts entgegen, der auf warnendes Hupen mit Vogelzeigen reagierte. Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll.
In jedem Fall ist Vorsicht geboten. Manchem fehlt der 7. Sinn. Und dann die Pulks von verirrten Drahteseln, die den sicheren Radweg verpasst haben und zwischen ungeduldigen Transportern und breitbereiften Porschefahrern ihr Leben aufs Spiel setzen, um zum Deich zu gelangen. Manchmal möchte man den Verkehr anhalten, so wie in einem dieser rührenden Videos, in denen Gänsemütter mit ihrer Kükenschar über die Straße geleitet werden. Wenn es nur nicht viel zu gefährlich wäre, auf der Bäderstraße auszusteigen. Zwischen Rantum und Hörnum gab es früher auch so eine Piste – die sogenannte Straße der Höflichkeit. Alle paar hundert Meter konnte man in eine Haltbucht ausweichen, um den Gegenverkehr durchzulassen.
Man begegnete sich und kommunizierte miteinander, wer wann wo fahren durfte und konnte, was sicher manchmal nervte, aber auch ordentlich zur allgemeinen Entschleunigung beitrug. Sollte man die Bäderstraße verbreitern? Ogottogott! Neulich wurde in Morsum jemand mitten im Dorf mit über 100 Sachen geblitzt. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie schnell man auf der langen Geraden durch die Wiesen fahren könnte. Wenn auch der Hüpfer über die beiden kleinen Brücken bei der Geschwindigkeit sicher ein Mordsspaß wäre. Und die Reparatur gebrochener Vorderradaufhängungen wäre für die Sylter Autowerkstätten vermutlich ein einträgliches Geschäft. Bin mir nicht sicher, ob die Bäderstraße dadurch attraktiver werden würde. Am liebsten möchte man doch die Weite genießen und im sanften Vorübergleiten die Schönheit der Natur auf sich wirken lassen. Zumindest bis einem der nächste goldene Panzer entgegenkommt.






















































































































