Wenn der angekündigte Weltuntergangs-Orkan auf Sylt mal wieder nur als laues Lüftchen ankommt und die Klickzahlen der großen Festland-Medien drohen in den Keller zu rauschen, muss dringend eine neue dramatische Geschichte her. Das neueste Opfer der Boulevardpresse? Unsere gute alte „Sylter Rose“, die auch schon kurzerhand zur reißerischen „Adolf-Hitler-Rose“ umgedichtet wurde.
Viel Lärm um eine Pflanze
Was ist dran an der Schlagzeile „Hitler Rose“? Richtig ist: Vor rund 90 Jahren wurde die äußerst zähe Kartoffelrose (Rosa rugosa) tatsächlich massenhaft auf Sylt gepflanzt, um Bunkeranlagen in den Dünen zu tarnen. Den Rest erledigten unsere heimischen Möwen, die die Hagebutten genüsslich fraßen und die Samen fröhlich über die ganze Insel verteilten. Der Begriff „Adolf-Hitler-Rose“ ist allerdings völlig an den Haaren herbeigezogen und existiert im Sylter Volksmund schlichtweg nicht. Bei uns ist sie als Kartoffelrose, Kamtschatka-Rose, Japanrose oder eben Sylter Rose bekannt – aus der übrigens auch wunderbare Seife hergestellt wird.
Warum die Kartoffelrose aber wirklich zum Problem wird
Auch wenn wir über die abstrusen Artikel einiger Medienvertreter schmunzeln müssen, lenken sie den Blick auf ein Thema mit ernstem Hintergrund. Die Sylter Rose mag auf den ersten Blick hübsch zum Landschaftsbild gehören, aber sie ist hochgradig invasiv und entwickelt sich zu einem massiven Problem für unsere Natur:
- Bedrohung für den Küstenschutz: Die aus Ostasien stammende Pflanze breitet sich rasant aus und verdrängt gnadenlos heimische Arten wie Dünengräser und Heidepflanzen. Genau diese heimischen Pflanzen sind aber durch ihr tiefes Wurzelwerk das Fundament unserer Dünen. Werden sie verdrängt, gerät die Stabilisierung der Dünen und damit der natürliche Insel- und Küstenschutz in ernsthafte Gefahr.
- Ein Paradies für die Gift-Raupe: Die dichten Hecken der Kartoffelrose dienen der Goldafter-Raupe als absolutes All-you-can-eat-Buffet. Durch dieses Nahrungsangebot kann sich der Schädling extrem gut vermehren. Für uns Menschen ist das alles andere als spaßig: Die feinen Brennhaare der Raupen fliegen durch die Luft und verursachen unangenehme Hautreizungen, starken Juckreiz und teils heftige allergische Reaktionen.
Kampen greift durch: Drei Jahre Dunkelhaft für die Rose
Um unsere empfindliche Dünenlandschaft zu schützen und das Gesundheitsrisiko für Insulaner und Gäste zu senken, hat die Gemeinde Kampen nun ein aufwendiges Projekt gestartet. Der Rose wird systematisch der Kampf angesagt:
Die Kartoffelrose (Rosa rugosa) ist extrem hartnäckig. Ihr Überlebensgeheimnis ist ein riesiges, tiefes Netzwerk aus unterirdischen Wurzelausläufern (Rhizomen). Ein kleines, im Boden vergessenes Wurzelstück reicht aus, und die Pflanze treibt im nächsten Jahr wieder komplett neu aus.
Um sie wirklich und dauerhaft zu entfernen, gibt es im Wesentlichen vier Methoden – je nachdem, wie groß die Fläche ist:
1. Sand sieben (Die typische Küsten- und Dünenmethode) Das ist die brachialste, aber auf Inseln wie Sylt oft die effektivste Methode für große Flächen. Bagger tragen den befallenen Dünensand metertief ab. Der Sand wird dann durch riesige Siebmaschinen geschickt, die jedes noch so kleine Wurzelstück herausfiltern. Der gereinigte Sand wird wieder aufgeschüttet und oft mit heimischem Strandhafer neu bepflanzt.
2. Konsequentes Auszehren (Mähen oder Beweidung) Hierbei wird die Pflanze nicht ausgegraben, sondern permanent oberirdisch zerstört. Entweder durch extrem häufiges Mähen (mehrmals im Jahr) oder durch den Einsatz von robusten Schafen oder Ziegen, die die frischen Triebe fressen. Auch hier ist das Ziel, der Wurzel über Jahre hinweg die Energie zu entziehen, bis sie abstirbt.
3. Tiefes Ausgraben (Nur für kleine Flächen im Garten) Im privaten Bereich kann man versuchen, sie händisch auszugraben. Man muss allerdings sehr tief (oft über einen Meter) und großflächig graben und penibel darauf achten, wirklich jedes Stückchen Wurzel zu erwischen.
(Chemische Unkrautvernichter wären theoretisch eine Option, sind in Naturschutzgebieten und sensiblen Küstenregionen wie den Dünen aber natürlich strengstens verboten.)
Bild von Von Dirk Ingo Franke – Eigenes Werk, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5752235
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