Zehn Millionen Jahre Geduld: Das Morsum Kliff bekommt seinen Tag
Am Sonntag, 20. September, ist deutschlandweit Tag des Geotops. Das Morsum Kliff gehört zu den bedeutendsten Geotopen Deutschlands – und nimmt die Ehrung mit der Gelassenheit auf, die man sich nach zehn Millionen Jahren redlich verdient hat.
Es gibt auf Sylt eine Menge Sehenswürdigkeiten, die sehr darauf achten, gesehen zu werden. Das Morsum Kliff gehört nicht dazu. Es liegt seit einer Weile im Osten der Insel, tut nichts, sagt nichts, bewirbt sich nirgends – und ist trotzdem das geologisch Wertvollste, was Sylt zu bieten hat. Einmal im Jahr fällt das auch offiziell auf.
Der Tag des Geotops geht auf eine Initiative der Akademie für Geowissenschaften und Geotechnologien zurück und funktioniert nach einem erprobten Prinzip: Ähnlich wie beim Tag des offenen Denkmals sollen, so die Deutsche Geologische Gesellschaft, „geologische Sachverhalte und die Bedeutung der Geotope und des Geotopschutzes der interessierten Bevölkerung nähergebracht werden“. Der feine Unterschied zum Denkmaltag: Hier braucht niemand einen Fördermittelantrag. Das Objekt hat sich selbst gebaut.
Und zwar ziemlich aufwendig. Was am Morsum Kliff in Rot, Braun, Schwarz und einem erstaunlich unseriösen Weiß übereinanderliegt, lag ursprünglich flach und ordentlich da. Dann kamen die eiszeitlichen Gletscher und machten mit den Ablagerungen des Tertiärs das, was Gletscher eben machen: Sie haben sie „schräg gestellt, in mehrere Schollen zerlegt und so aufeinander geschoben, dass diese heute schuppenartig neben einander liegen“. Ergebnis: rund zehn Millionen Jahre Erdgeschichte, nebeneinander aufgereiht, bequem zu Fuß ablesbar. 2006 wurde das Kliff dafür als nationaler Geotop ausgezeichnet.
Man muss sich den Termin also so vorstellen: Ein Naturdenkmal, das älter ist als jede Debatte, die auf dieser Insel je geführt wurde, empfängt für zwei Stunden Publikum. Es ist dabei die einzige Sylter Attraktion, die sich ausstellt, indem sie vergeht – jeder Sturm nimmt ein Stück Kliff mit und legt dafür ein neues frei. Eine Sehenswürdigkeit, die ihr Programm selbst umbaut und nie ankündigt. Wer glaubt, er habe das Morsum Kliff schon gesehen, hat genau genommen ein anderes gesehen.
Die Naturschutzgemeinschaft Sylt lädt alljährlich zu einer besonderen Führung rund um das Kliff ein – Menschen, die den Unterschied zwischen Glimmerton und Kaolinsand nicht nur kennen, sondern erklären können, ohne dass es weh tut. Mitzubringen sind festes Schuhwerk, Wind und die Bereitschaft, zwei Stunden lang sehr langsam durch sehr viel Zeit zu laufen.
Geowissenschaftlich vorgebildet sein muss dafür niemand. Das Kliff war auch nicht vorbereitet.
Der Termin: Tag des Geotops, Sonntag, 20. September 2026, Morsum Kliff. Führung der Naturschutzgemeinschaft Sylt e.V., Telefon 04651 44421, info@naturschutz-sylt.de. Weitere Informationen zum bundesweiten Aktionstag: tag-des-geotops.de
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