Küstenschutz auf Sylt ist für die meisten Menschen ein Bild von der Westseite: Rohre im Sand, Bagger im Gegenlicht, jedes Jahr ein paar Millionen Kubikmeter Sand, die vor Westerland an den Strand gespült werden. Das ist die spektakuläre Hälfte. Die andere Hälfte besteht aus Holzpfählen und Reisig, steht im Watt und wird von fast niemandem fotografiert.
Genau um diese Hälfte geht es. Die Stiftung Küstenschutz Sylt hat dem Landschaftszweckverband Sylt 30.000 Euro für die Instandsetzung der Lahnungen an der Ostküste zugesagt. Der LZV, finanziert von den Sylter Kommunen, hatte für diese Arbeiten in diesem Jahr 120.000 Euro eingeplant – die Stiftung legt damit ein weiteres Viertel obendrauf. „Wir sind dafür besonders dankbar“, sagt LZV-Geschäftsführer Peer Knuth.
Der Grund für die Dankbarkeit ist ein struktureller. Seit einigen Jahren pflegt der Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN) Schleswig-Holstein jene Lahnungen nicht mehr, die direkt vor bebauten Ortslagen an der Ostküste liegen. Die Kosten bleiben seither beim LZV – also bei den Gemeinden. „Eben deshalb fördern wir die Arbeiten – wie auch schon in den Vorjahren – gerne“, erklärt Dr. Johannes Oelerich, Vorsitzender der Stiftung Küstenschutz Sylt. „Dies entspricht auch genau dem Zweck unserer Stiftung, nämlich dort aktiv zu werden, wo die staatlichen Zuständigkeiten enden. Die Sylter Ostküste steht dabei im besonderen Fokus.“
Der Satz ist höflich formuliert und beschreibt trotzdem präzise, was hier passiert: Eine 2007 gegründete Stiftung springt ein, wo sich der Staat zurückgezogen hat. Man kann das als vorbildliches bürgerschaftliches Engagement lesen oder als bemerkenswerte Aufgabenverteilung. Beides ist zutreffend.
Geplant war in diesem Jahr eigentlich der Abschnitt zwischen Keitum und Archsum. Daraus wurde nichts. „Durch Eisgang wurden die vor Keitum installierten Lahnungen im Winter stark beschädigt. Deshalb werden diese nun vorgezogen“, berichtet LZV-Vorsteher Manfred Uekermann. Rund zwei Kilometer werden nun instand gesetzt, vergeben in bewährter Weise an eine regionale Fachfirma. Bemerkenswert daran ist das Stichwort Eisgang: Wer an Sylt denkt, denkt an Sturmflut und Weststurm. Dass eine Insel im Golfstrom-Randbereich ihre Bauwerke im Winter durch Eis verliert, gehört zu den Details, die im Reiseprospekt fehlen.
Insgesamt betreut der LZV zwischen Morsum und Kampen auf rund 25 Kilometern 30 Lahnungen. Gearbeitet wird jährlich in den ruhigen Monaten zwischen Mai und September. Das Prinzip ist seit Jahrzehnten unverändert: Doppelte, mit Buschwerk gepolsterte Pfahlreihen bremsen im Wattenmeer die Strömung, sodass sich bei jeder Flut Schwebeteilchen absetzen. Aus diesen Ablagerungen entsteht langsam neues Vorland – und Vorland ist der beste Wellenbrecher, den es gibt, weil eine Sturmflut ihre Energie dort verliert, bevor sie den Ort erreicht.
Das Wort „langsam“ ist dabei wörtlich zu nehmen. Nach früheren Angaben des Verbandes wächst das Vorland in der Keitumer Bucht um etwa zwei Zentimeter pro Jahr. Die dortigen Lahnungen stehen seit rund 1940. Es ist eine Bauweise, deren Erfolg man in Jahrzehnten misst, betrieben von Institutionen, die in Haushaltsjahren rechnen – und genau deshalb ist die regelmäßige Instandsetzung keine Fleißaufgabe, sondern die Bedingung dafür, dass die vergangenen achtzig Jahre nicht umsonst waren.
Häufige Fragen
Was sind Lahnungen? Doppelte Pfahlreihen aus Holz, mit Buschwerk gefüllt, die im Wattenmeer die Strömung bremsen. Zwischen ihnen setzen sich bei jeder Flut Schwebeteilchen ab, aus denen über Jahre neues Vorland entsteht.
Wer bezahlt die Lahnungen auf Sylt? Der von den Sylter Kommunen finanzierte Landschaftszweckverband Sylt. In diesem Jahr sind dafür 120.000 Euro eingeplant, ergänzt um 30.000 Euro der Stiftung Küstenschutz Sylt.
Warum fördert eine Stiftung staatlichen Küstenschutz? Weil er an dieser Stelle keiner mehr ist: Der Landesbetrieb LKN pflegt die Lahnungen vor bebauten Ortslagen an der Ostküste seit einigen Jahren nicht mehr. Die Stiftung Küstenschutz Sylt wird nach eigener Aussage dort aktiv, wo staatliche Zuständigkeiten enden.
Wo wird aktuell gearbeitet? Vor Keitum, auf rund zwei Kilometern. Ursprünglich war der Abschnitt zwischen Keitum und Archsum vorgesehen; nach Eisschäden im Winter wurde Keitum vorgezogen.
Wie viele Lahnungen gibt es auf Sylt? Der LZV betreut zwischen Morsum und Kampen auf rund 25 Kilometern 30 Lahnungen. Instandgesetzt wird jährlich zwischen Mai und September.
Fotocredit „Deppe / Stiftung Küstenschutz Sylt“
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