Es ist eine Geschichte, die von Leidenschaft, Historie und einer tiefen Verbundenheit zur Region zeugt. Der historische Wasserturm in Niebüll, das einzige noch verbliebene Bauwerk seiner Art entlang der Marschbahn, bleibt in bekannter Hand. Nach einer überraschenden Wendung steht fest: Das exklusive 1-Zimmer-Hotel wird weiterhin von dem Sylter Unternehmer Öger Akgün betrieben.
Rolle rückwärts: Großherzige Geste statt hartem Geschäft
Vor wenigen Wochen sorgte eine Sommerauktion in Berlin für Aufsehen. Der markante Wasserturm am Niebüller Bahnhof kam unter den Hammer. Für 202.000 Euro erhielt eine 65-jährige Frau aus Nordrhein-Westfalen zunächst den Zuschlag. Doch aus privaten Gründen aufseiten der Käuferfamilie kam es zu einer menschlich berührenden Wende: Die Versteigerung wurde rückgängig gemacht.
Als Öger Akgün von der misslichen Lage der Käufer erfuhr, zeigte er sich großherzig und stimmte der Rückabwicklung anstandslos zu. Diese Entscheidung fiel ihm nicht schwer, denn insgeheim bereitete ihm der Verbleib des Bauwerks große Freude. Wie Öger Akgün im Gespräch betont, ist der Erhalt und der Betrieb für ihn eine absolute Herzensangelegenheit.
„Der Wasserturm ist ein wichtiger Teil unserer Geschichte, hier im Norden. Es ist selbstveständlich, diesen zu erhalten“, so Akgün.
Warum lag der Auktionspreis so niedrig?
Dass ein derart aufwendig saniertes Wahrzeichen für vergleichsweise geringe 202.000 Euro aufgerufen wurde, liegt an den speziellen Grundstücksverhältnissen. Der Wasserturm steht direkt auf dem Gelände der Deutschen Bahn. Dies bringt rechtliche und bauliche Einschränkungen mit sich, die den Marktwert der Immobilie naturgemäß drücken.
Vom Zweckbau zum exklusiven Mini-Hotel
Seine emotionale Bindung an das Gebäude resultiert aus der intensiven Arbeit der vergangenen Jahre. Im Mai 2017 kaufte Öger Akgün das Denkmal gemeinsam mit seinem damaligen Geschäftspartner, dem Architekten Henning Lehmann, der mittlerweile nicht mehr in Deutschland weilt. Zusammen entwickelten sie die faszinierende Idee, den Turm liebevoll auszubauen und als einzigartiges Appartement an Gäste zu vermieten.
Aus dem einstigen Zweckbau zur Versorgung von Dampflokomotiven ist heute ein kleines, feines Hotel entstanden. Auf vier Ebenen können Gäste ein exklusives Wohnerlebnis genießen – gekrönt von einem Schlafzimmer im zehn Meter hohen Turmkopf. Durch die jüngste Kehrtwende bei der Auktion ist die Zukunft des Wahrzeichens gesichert, und der Hotelbetrieb läuft ungestört weiter.
Die wechselvolle Geschichte: Ein Meisterstück des Handwerks
Die Ursprünge des Turms reichen weit zurück. Errichtet wurde er 1908, um eine stets genügende Liefermenge an Wasser für die großen Tanks der Dampflokomotiven bereitzuhalten. Bis zum Ende der Dampflok-Ära im Jahr 1972 erfüllte der Turm zuverlässig seinen Dienst, bevor eine lange Zeit des Leerstands und des baulichen Verfalls begann.
2007 schien das Schicksal des Gebäudes besiegelt: Der Turm galt als baufällig und sollte abgerissen werden. Doch heftiger Widerstand aus der Bevölkerung – initiiert unter anderem vom Niebüller Tiefbauunternehmer Sven Vogt – verhinderte dies. Die Kreishandwerkerschaft Nordfriesland-Nord kaufte das Gebäude schließlich für einen symbolischen Euro.
Die anschließende Sanierung wurde zu einem beispiellosen Ausbildungsprojekt: Rund 200 Lehrlinge verschiedener Innungen leisteten über 10.000 Arbeitsstunden, um das Bauwerk von Grund auf zu restaurieren. Komplizierte Aufgaben, wie der Abbau des alten Turmkopfes und das Aufsetzen der 25 Tonnen schweren neuen Kopfplatte, forderten das ganze Können der jungen Handwerker. Die Stadt Niebüll unterstützte dieses Vorzeigeprojekt mit 20.000 Euro.
Zeitleiste: Die Geschichte des Niebüller Wasserturms
| Jahr | Ereignis |
| 1908 | Bau und Inbetriebnahme zur Wasserversorgung der Dampflokomotiven. |
| 1925/1926 | Umbau des architektonisch reizvollen Fachwerkturmkopfes in einen Stahlbetonkopf. |
| 1972 | Ende der Dampflok-Ära und offizielle Einstellung des Betriebs. Es folgt zunehmender Verfall. |
| 1980er | Einstufung des Turms als „Einfaches Kulturdenkmal“. |
| 2007/2008 | Konkrete Abrisspläne werden durch Bürgerproteste verhindert; die Stadt beschließt den Erhalt. |
| 2010 | Die Kreishandwerkerschaft Nordfriesland-Nord erwirbt den Turm für einen symbolischen Euro. |
| 2012-2015 | Baubeginn und Sanierung durch 200 Handwerkerlehrlinge (über 10.000 Arbeitsstunden). |
| 2013 | Richtfest und Einbau von Fenstern sowie Zwischendecken zur Begehbarkeit. |
| 2015 | Feierliche Wiedereröffnung des Wasserturms als saniertes Wahrzeichen von Niebüll. |
| 2017 | Kauf durch Öger Akgün und Henning Lehmann; Umbau und Eröffnung als 1-Zimmer-Hotel. |
| Heute | Nach einer stornierten Auktion bleibt der Turm im Besitz des Sylters Öger Akgün und wird als Hotel fortgeführt. |
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