Eine vierköpfige Familie, die auf Sylt wohnen will, steht vor harten Zahlen – und vor einer Debatte, die es sich gern zu einfach macht. Ein Faktencheck mit spitzem Bleistift.
Es ist die Frage, die jede Familie stellt, die bleiben oder zuziehen will: Was kostet hier eine 4-Zimmer-Wohnung? Und die politische Frage gleich hinterher, meist mit erhobenem Zeigefinger: Schafft weniger Ferienwohnung den Platz für Familien? Beide Antworten beginnen mit Zahlen – und die haben es in sich.
Was eine Familie zahlen müsste
Für rund 100 Quadratmeter zahlt eine Familie am freien Markt derzeit 2.300 bis 3.200 Euro warm im Monat (Angebotsmieten 20–29 €/m², Ende 2025). Wer kaufen möchte, legt im Schnitt 10.980 €/m² für die Wohnung und 12.593 €/m² fürs Haus hin – also rund 1,1 Millionen Euro für die Eigentumswohnung und 1,5 Millionen aufwärts fürs Haus. Ein Schnäppchen, natürlich – für alle, die die Frage nach dem Preis ohnehin für unfein halten.
Bezahlbar ist nur der geförderte Wohnraum: ab etwa 7 €/m², also rund 700 Euro kalt. Bezahlbar – theoretisch. Der Haken kommt sofort.
Die Situation: die Punktlandung im Nirgendwo
Geförderte Wohnungen gibt es nur mit Wohnberechtigungsschein (WBS) – dem amtlichen Nachweis, dass man nicht zu viel verdient. Die Grenze liegt in Schleswig-Holstein für einen Vier-Personen-Haushalt bei rund 49.400 Euro brutto im Jahr (ca. 4.100 €/Monat für die ganze Familie).
Und hier vollführt das System seinen eleganten Spagat: Zwei durchschnittlich verdienende Eltern liegen schnell darüber – kein WBS. Für die freie Miete von 2.500 Euro bräuchten sie zugleich rund 8.000 Euro netto im Monat. Macht in Summe: zu reich für die geförderte Wohnung, zu arm für den freien Markt. Eine Punktlandung im Nirgendwo, und die trifft ausgerechnet die arbeitende Mitte.
Wer den WBS doch hat, darf sich hinten anstellen. Das größte geförderte Projekt Schleswig-Holsteins, das Wohnquartier Westhedig (189 Wohnungen, fertig Ende 2027), bietet ausschließlich 2- und 3-Zimmer-Wohnungen – Platz für so ziemlich jeden, nur nicht für die klassische vierköpfige Familie. Beim geplanten Wohnquartier Nord (rund 250 Einheiten) verrät niemand den Zuschnitt. Auf die vorhandenen Wohnungen bewerben sich derweil bis zu 600 Haushalte.
Ist das Verbot von Ferienwohnungen die Lösung?
Das Argument dafür ist ernst zu nehmen: Zweit- und Ferienwohnungen machen rund 40 Prozent des Bestands aus, die Verdrängung ist real, und das Beherbergungskonzept will die Zahl der Ferienwohnungen deckeln. So weit, so nachvollziehbar.
Nur trägt der Umkehrschluss nicht – weniger Ferienwohnungen ergeben nicht automatisch Familienwohnraum. Drei Gründe, ganz ohne Ideologie:
- Gewidmet ist nicht bewohnt. Darf eine Wohnung nicht mehr an Gäste gehen, wird sie teuer dauervermietet, an die Saisonkraft vergeben, selbst genutzt oder verkauft – an den nächsten Zweitwohnungsbesitzer. „Dem Dauerwohnen gewidmet“ klingt nach zwei Familien; gewohnt wird trotzdem woanders.
- Die Barriere ist der Preis, nicht die Zahl der Ferienwohnungen. Bei 11.000 bis 12.600 Euro pro Quadratmeter ändert ein Nutzungsverbot am Kaufpreis exakt nichts.
- Die Insel lebt davon. Bis zu 80 Prozent der wirtschaftlichen Basis und jeder zweite Arbeitsplatz hängen an der Beherbergung – und das bei Ferienwohnungen, die selbst in der Hauptsaison nur zu rund 80 Prozent belegt sind. Wir diskutieren also die gerechte Verteilung von Betten, von denen jedes fünfte ohnehin leer steht. Fallen durch Brandschutzauflagen zusätzlich Hunderte bis Tausende weg, droht ohne Ausgleich wirtschaftlicher Schaden – ohne dass eine einzige Familie besser wohnt.
Die ehrliche Antwort lautet also: nein – jedenfalls nicht allein. Ein Zurückdrängen der Ferienwohnungen mag städtebaulich begründbar sein, um weitere Verdrängung zu bremsen. Als Wohnungspolitik für Familien taugt es nicht: Es sortiert Eigentum und Nutzung um und verwechselt das mit einer Lösung.
Was tatsächlich helfen würde
Es ist ausgerechnet das, was nicht gebaut wird: familientaugliche 4-Zimmer-Wohnungen im geförderten Segment, gekoppelt an Belegungs- und Preisbindung (Verkauf und Miete nur an Hauptwohnsitzler zu gedeckelten Preisen – Südtirol macht es seit Jahrzehnten vor), an kommunalen Ankauf und Erbpacht und an eine Zweitwohnungssteuer mit Zähnen. Ohne diese Werkzeuge bleibt jede Ferienwohnungs-Debatte für eine normale Familie das, was sie heute ist: folgenlos.
Bleibt die nüchterne Bilanz – und die verträgt keine Ironie mehr: Für eine durchschnittliche vierköpfige Familie ist Sylt am freien Markt schlicht nicht bezahlbar, und weniger Ferienwohnungen ändern daran von allein nichts. Die Lösung liegt nicht im Verbot, sondern im gezielten Bau dessen, was wirklich fehlt. Sonst bleibt am Ende die schönste Aussicht Deutschlands – nur eben ohne die Menschen, die sie am Leben halten.
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