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Grün, riesig, und seit 25 Jahren da: Westerlands umstrittenste Kunstfrage

Grün, riesig, und seit 25 Jahren da: Westerlands umstrittenste Kunstfrage
Foto: Redaktion
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Die Gemeinde Sylt will wieder Kunst fördern. 250.000 Euro stehen bereit. Vielleicht ist das ein guter Moment, auch eine alte Frage neu zu stellen.

Es gibt Kunstwerke, die man mit der Zeit lieben lernt. Die Reisenden Riesen im Wind auf dem Bahnhofsvorplatz in Westerland gehören — nach 25 Jahren — offenbar nicht dazu.

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Seit ihrer Enthüllung im Oktober 2001 stehen die bis zu 4,5 Meter hohen knallgrünen Figuren des Künstlers Martin Wolke am Eingang der Insel und begrüßen jeden Ankömmling mit einer Farbgebung, die zwischen Minze-Eis und Gartentraktor schwankt. Man könnte sagen: Die Riesen sind unübersehbar. Das war damals das Ziel. Ob es ein Versprechen oder eine Drohung war, darüber streitet Sylt bis heute.

Schon nach einem Tag war klar: Das wird keine leichte Freundschaft

Die Enthüllung verlief, nun ja, lebendig. Bereits am Tag danach kursierten Leserbriefe in der Sylter Rundschau mit Formulierungen, die für nordfrirsischen Verhältnisse einer Eruption gleichkamen. Ein nicht unerheblicher Teil der Insulaner wünschte sich laut damaliger Berichterstattung, die grüne Truppe möge schnellstmöglich wieder abreisen. Der damalige SSW-Politiker Peter Erichsen brachte die Stimmung auf den Punkt: Eine Konventionalstrafe an den Künstler zu zahlen sei immer noch besser, als ein Leben lang auf solche riesigen Dinger zu gucken. Der SSW war damals sogar bereit, Geld dafür auszugeben, dass die Riesen nicht kommen. Man kann das als schlechtes Zeichen werten.

Gekommen sind sie trotzdem. Bürgermeisterin Petra Reiber hielt die schützende Hand über das Projekt. Und die Riesen stehen. Und stehen. Und stehen.

Das ist ihr gutes Recht. Kunst muss nicht gefallen. Kunst darf provozieren, irritieren, polarisieren — das gehört dazu, und wer sich ernsthaft mit Kunstgeschichte beschäftigt, weiß, dass die lautesten Proteste bei der Enthüllung oft die Vorläufer späterer Begeisterung waren. Die Eiffelturm-Gegner von 1889 grüßen.

Nur: Beim Eiffelturm hat irgendwann die Mehrheit die Meinung gewechselt. Bei den Reisenden Riesen ist das Stimmungsbild auf Sylt nach einem Vierteljahrhundert — sagen wir vorsichtig — noch in der Schwebe.

250.000 Euro, ein leerer Topf und eine neue Chance

Nun kommt Bewegung in die Sache. Die SPD-Fraktion der Gemeinde Sylt hat einen Antrag eingebracht, der Kunst im öffentlichen Raum wieder stärker fördern soll. Alle zwei Jahre soll ein Kunstpreis mit 100.000 Euro ausgeschrieben werden, zweckgebunden für ein neues Kunstwerk auf der Insel. Das Geld ist vorhanden: Seit 25 Jahren spart der Henner-Krogh-Nachlass jährlich 10.000 Euro an, mittlerweile liegen 250.000 Euro in dem Topf. Unausgegeben. Wartend.

Gerd Nielsen von der SPD-Fraktion sagt, Sylt solle sich nach schwierigen Jahren durch Pandemie, Haushaltssperre und politischen Erschütterungen mal etwas Positives gönnen. Dem ist schwer zu widersprechen.

Und vielleicht wäre genau jetzt der richtige Moment, eine Frage zu stellen, die auf der Insel seit zwei Jahrzehnten im Raum hängt: Ist der Bahnhofsvorplatz in Westerland wirklich der beste Ort für die Riesen? Oder anders gefragt: Wäre das Geld, das für ein neues Werk zur Verfügung steht, eine Gelegenheit, Sylt im öffentlichen Raum neu zu erzählen?

Was Sylt wirklich vertritt

Sylt ist viele Dinge. Eine Insel mit einer der schönsten Küstenlandschaften Europas. Ein Ort mit einer einzigartigen friesischen Kultur und Identität. Ein Treffpunkt von Kunst, Literatur und Kreativität seit Jahrzehnten. Eine Landschaft, die von Wind, Licht und dem Wechsel der Gezeiten geprägt ist — und die sich in ihrer besten Stimmung selbst genug ist.

Welche Kunst würde das widerspiegeln? Hier ein paar Ideen, die die 250.000 Euro sinnvoll nutzen könnten:

Ein Landschaftskunstwerk, das die Dünenlandschaft aufgreift — nicht gegen sie antritt. Werke wie die von Andy Goldsworthy zeigen, dass Kunst und Natur keine Gegensätze sein müssen, sondern einander verstärken können.

Eine ortspezifische Skulptur mit friesischem Bezug, die die Inselidentität sichtbar macht — ihre Geschichte als Fischereiinsel, ihre dänisch-deutsche Grenzlage, ihre besondere Stellung im nordeuropäischen Kulturraum.

Ein interaktives Klangkunstwerk am Strand oder in den Dünen, das den Wind aufgreift — das Element, das die Insel wie kein anderes definiert. Sylt ist Windenergie, Kitesurfen, Sturm und Stille. Klang tut das, was Form allein nicht kann.

Ein temporäres Kunstformat, das alle zwei Jahre wechselt und Künstler aus der Region mit der Insel in einen Dialog bringt — leichter, flexibler, anpassungsfähiger als ein Monolith aus Beton und Farbe.

Das letzte Wort haben die Sylter

Ob die Reisenden Riesen bleiben oder irgendwann doch ihren Koffer packen, ist keine Frage, die dieser Artikel entscheidet. Das ist eine demokratische Abwägung, die die Gemeinde und ihre Bürgerinnen und Bürger treffen — und in der sich verschiedene Meinungen gleichberechtigt gegenüberstehen.

Aber eine Debatte über neue Kunst auf der Insel ist auch immer eine Debatte darüber, was Sylt von sich zeigen will. Was an seinen Eingangstoren steht. Was Besucher als erstes sehen, wenn sie ankommen.

Gerd Nielsen hat recht: Sylt war immer auch die Insel der Künstler und Literaten. Vielleicht sollte das auf dem Bahnhofsvorplatz in Westerland wieder etwas deutlicher zu sehen sein.

Die 250.000 Euro warten. Die Riesen auch.


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