Zurück in die Sonne, zurück in den Kursaal – unser Nachbar Mark Medlock wagt es noch einmal
Westerland. Man muss auf dieser Insel niemandem erklären, wer Mark Medlock ist. Nicht, weil hier alle 2007 vor dem Fernseher saßen, als ein Junge aus Offenbach mit einer Stimme wie warmer Samt „Deutschland sucht den Superstar” gewann. Sondern weil er seither einer von uns geworden ist. Seit rund fünfzehn Jahren lebt Medlock in Westerland, hinter hohen Hecken, mit Blick aufs Meer und einem Leben, das mit dem Rummel von damals nichts mehr zu tun haben wollte. Er malte, er schwieg, er heilte. Sylt kann das: Menschen in Ruhe lassen.
Und nun also das Comeback.
Am 24. Oktober steht er wieder im Alten Kursaal – dort, wo er schon 2012 sang, damals, als er sich eigentlich verabschieden wollte. Der Abend war binnen Tagen ausverkauft. Und dann kam diese Nachricht, die so typisch für den neuen, entspannten Medlock ist: Beim Frühstück, erzählt er seinen Fans, habe er kurzerhand entschieden, ein Zusatzkonzert zu geben – am Sonntag, dem 25. Oktober. Der Sonntagstermin mache es manchen Gästen mit der Übernachtung leichter. Tickets für den Zusatzabend gibt es über insel-sylt.de.
Nun muss man ehrlich bleiben: Der Alte Kursaal ist kein Stadion, gut 400 Menschen finden hier Platz. „Blitzschnell ausverkauft” ist also weniger ein Beweis für ein Millionenpublikum als für etwas anderes, vielleicht Wertvolleres – dass die, die ihm geblieben sind, keine Sekunde gezögert haben. Und dass er sich für seinen Neuanfang ausgerechnet diese kleine Bühne aussucht und nicht irgendeine Halle auf dem Festland, sagt viel. Den Festivalauftritt beim „Glücksgefühle” am 5. September auf dem Hockenheimring nimmt er noch mit – aber die Heimkehr, die zählt, findet hier statt. Er nennt es ein Heimspiel. Wir nehmen das als Kompliment.
Die Stimme ist noch da – daran zweifelt niemand
Wer ihn im letzten Winter bei seiner Vernissage im Northern Light Store erlebt hat, nur mit Gitarre, fünf Lieder, hundert Menschen, weiß: Das Instrument, das ihn einst berühmt machte, funktioniert noch. Selbst dort, wo sein neues Album „Back into the Sun” harsch besprochen wurde, blieb die Stimme unangetastet. Das ist keine Kleinigkeit. Es gibt viele Comebacks, bei denen genau das fehlt.
Und trotzdem: Man darf, man muss ein paar Fragen stellen
Denn so sehr man ihm den Neustart gönnt – ganz rund ist er nicht. Das Album, im August erschienen und immerhin achtbar in die Midweek-Charts gestartet, besteht zur Hälfte aus Neuaufnahmen alter Hits. „New Versions” heißt das dann. Man kann das als Brücke zu den Fans lesen. Man kann es aber auch, wie die Kollegen von laut.de es getan haben, als Recycling bezeichnen – und ihre Rezension war, bei aller Härte, kein Neid, sondern eher ein Liebesbrief mit Widerhaken: Da schreibt jemand, der die alte Soul-Stimme nicht vergessen kann und ihr mehr zutraut als Sommer-Pop mit Latin-Beigabe. Das ist die unbequemste Sorte Kritik: die, die recht haben könnte.
Und dann die Sache mit den Musikvideos. Komplett aus der KI: die Landschaften, die Cabriofahrt, das Sommerlicht – alles generiert. Viele Fans fanden das seelenlos, manche suchten den Clip regelrecht nach Bildfehlern ab, und der Vergleich mit dem aufwendig auf Mallorca gedrehten Video von 2007 tat sein Übriges. Man versteht den Ärger. Es ist ja nicht so, als fehlte es an Kulisse: Der Mann wohnt am schönsten Strand Deutschlands. Jede Handykamera am Brandenburger Strand hätte ehrlichere Bilder geliefert als jeder Algorithmus. Medlock selbst nimmt es mit Humor und hat angekündigt, das nächste Video auf Sylt zu drehen. Wasser vor der Haustür, sagt er. Wir sagen: Wurde auch Zeit. Die Insel steht bereit.
Neider? Nein. Aber Erwartungen.
Die Frage, die auf der Promenade dieser Tage öfter fällt: Sind das alles Missgünstige, die ihm den zweiten Frühling nicht gönnen? Bei ehrlicher Betrachtung – nein. Die schärfsten Stimmen kommen aus der eigenen Fangemeinde, und sie wünschen sich nicht sein Scheitern, sondern mehr von ihm: echte Bilder statt generierter, neue Lieder statt aufgewärmter, Soul statt Sonnencreme. Das ist keine Häme. Das ist die raueste Form von Zuneigung, die das Musikgeschäft kennt.
Sylt kann Mark Medlock vor vielem schützen: vor Paparazzi, vor Lärm, vor der Gier derer, die früher an ihm verdient haben. Vor Kritik am eigenen Werk kann und soll die Insel ihn nicht schützen. Aber sie kann ihm etwas geben, das wertvoller ist: einen ausverkauften Saal voller Menschen, die ihn kennen – nicht den Superstar von 2007, sondern den Nachbarn von heute. Und ab Oktober sind es gleich zwei solcher Abende. Wenn im Alten Kursaal das Licht angeht, singt da keiner, der etwas beweisen muss. Da singt einer, der nach Hause gekommen ist und die Tür wieder aufmacht.
Das darf man kritisch begleiten. Aber erst einmal darf man sich freuen.
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