147 Minuten Sylt: Warum kam der „ICE der DDR“ nach Westerland?
Der SVT Görlitz, einst Prestigezug der Deutschen Reichsbahn, war am 31. Oktober für einen Tag auf Sylt. Wie lange er blieb, was er gekostet hat und wohin er als Nächstes fährt.
Westerland. Manche Gäste bleiben zwei Wochen, manche ein verlängertes Wochenende, und manche schaffen es gerade mal bis zum ersten Fischbrötchen. Der SVT Görlitz gehört zur dritten Sorte. Laut Fahrplan hat er Sylt exakt 147 Minuten gegönnt: Um 12.32 Uhr rollte der „ICE der DDR“ am Samstag, 31. Oktober, in Westerland ein, um 14.59 Uhr war er schon wieder auf dem Weg zurück aufs Festland. Für einen Strandspaziergang reicht das, für eine Strandkorbmiete eher nicht.
Dabei hat dieser Zug schon ganz andere Strecken gesehen. Früher pendelte er zwischen Berlin, Prag und Wien, danach parkte er jahrzehntelang auf dem Abstellgleis, und jetzt macht er Tagesausflüge über den Hindenburgdamm. Eine Karriere, wie sie auf Sylt viele Ruheständler hinlegen: erst große Welt, dann lange Pause, am Ende ein Ausflug an die Nordsee.
Stromlinie aus Görlitz
Gebaut wurde der Triebwagen 1968 im VEB Waggonbau Görlitz. SVT steht für Schnellverkehrstriebwagen, ein Wort, bei dem man schon beim Aussprechen ein bisschen Fahrtwind spürt. Die Deutsche Reichsbahn führte die Baureihe als VT 18.16. Ihren ersten großen Auftritt hatte die Bauart 1963 auf der Leipziger Frühjahrsmesse, bis 1968 entstanden insgesamt acht Züge. Wiederzuerkennen sind sie bis heute an der Stromlinienform und der markanten Nase, die damals nach Zukunft aussah und heute nach sehr gut gealterter Zukunft.
Für alle, die beim Bahnfahren heimlich mitrechnen: 160 Kilometer pro Stunde Spitze, zweimal 1000 PS, gut 98 Meter lang, 114 Sitzplätze. Davon gehören 54 zur ersten Klasse, also fast die Hälfte. Im Arbeiter- und Bauernstaat war die erste Klasse damit erstaunlich geräumig. Auf Sylt fällt so eine Quote natürlich niemandem auf.
Fünf Jahre Schrauben, sieben Millionen Euro
Dass der Zug überhaupt wieder fährt, haben Eisenbahnfreunde mit sehr viel Geduld und vermutlich noch mehr Kaffee hinbekommen. Mehr als fünf Jahre haben sie ihn aufgearbeitet, die Kosten werden mit rund sieben Millionen Euro angegeben. Dafür bekäme man auf Sylt immerhin eine solide Doppelhaushälfte, in Görlitz dagegen einen kompletten Schnellzug mit Nase. Hinter dem Projekt steht die 2019 gegründete gemeinnützige SVT Görlitz gGmbH. „Motoren, Getriebe, Räder, Elektrik, Innenausstattung – alles musste aufgearbeitet werden“, heißt es in einem Statement von Mario Lieb vom SVT Görlitz, das die Bild zitiert. Ehrlicher kann man den Zustand eines Zuges nach Jahrzehnten auf dem Abstellgleis kaum beschreiben.
Sein Comeback feierte der Zug am 13. Juni in Thale im Harz. Kurz danach musste er wegen eines Motorschadens schon wieder pausieren. Wer einen Oldtimer in der Garage stehen hat, nickt an dieser Stelle wissend und streichelt kurz die Motorhaube.
Von Dresden über Hamburg nach Westerland
Die Sonderfahrt startete am Freitag, 30. Oktober, um 8.22 Uhr in Dresden. Übernachtet wurde in Hamburg, am Samstag ging es um 9.02 Uhr ab Hamburg Hauptbahnhof weiter Richtung Insel. Veranstalter war das Dresdner Reisebüro Maertens. Der Tagesausflug ab Hamburg kostete ab 229 Euro, die komplette Tour ab Dresden 1098 Euro. Sie war nach Angaben der Veranstalter ausgebucht. Rechnet man den Tagesausflug auf die 147 Minuten Inselaufenthalt um, landet man bei rund anderthalb Euro pro Sylt-Minute. Für Westerland im Herbst ist das fast ein Schnäppchen.
An Bord war auch die Mitropa, die in der DDR für die Bewirtung in den Zügen zuständig war. „Während der Fahrt freut sich die SVT-Mitropa auf Ihren Besuch“, hieß es in der Ausschreibung. Ob es Soljanka gab, ist leider nicht überliefert. Wir gehen aus Gründen der Nostalgie fest davon aus.
Und dann ab an die Ostsee
Sylt bleibt nicht die einzige Insel im Terminkalender. Mitte November steuert der SVT Görlitz Usedom an. Die Ostsee bekommt also auch ihren Besuch, vermutlich mit ähnlich knapp bemessener Pause zum Aussteigen und Gucken.
Westerland bleibt ein Samstag, an dem für zweieinhalb Stunden Eisenbahngeschichte am Bahnsteig stand und Menschen mit Handys um eine Zugnase herumliefen. Danach war der Bahnhof wieder das, was er immer ist: der Ort, an dem man auf den nächsten Zug wartet. Der kommt dann meistens aus Hamburg und hat keine Nase.
Quellen: Fahrplan Maertens Reisen, t-online, Berliner Kurier/dpa, Bild
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