Die Insel lässt niemanden los: Zwangsverlängerung zwischen Dünenschnee und Dauerstau
Das Wintermärchen auf Sylt entfaltet gerade seine ganze Pracht, hüllt die Insel in ein vornehmes Weiß und sorgt gleichzeitig für jene sanfte Melancholie, die entsteht, wenn die Natur die Regie übernimmt. Während die Dünen unter der Schneedecke fast skulptural wirken und der Strandhafer starr vor Frost in den Himmel ragt, mischt sich in die idyllische Stille eine ganz eigene Dynamik. Es ist die Zeit, in der die sonst so stilsicheren Spaziergänge in Kampen einer leicht ungelenken, aber höchst liebenswerten Rutschpartie weichen. Man trägt nun Wolle statt Seide, und das stolze Knirschen des Schnees unter den Stiefeln ersetzt für kurze Zeit das gewohnte Rauschen der Brandung als wichtigstes Geräusch der Insel.
Besonders rund um die Autoverladung in Westerland zeigt sich das winterliche Sylt von seiner unnachgiebigen Seite. Wer gehofft hatte, die Insel nach den Feiertagen zügig verlassen zu können, findet sich nun in einer Geduldsprobe wieder, die selbst den stärksten Friesentee kalt werden lässt. Der Stau zieht sich zäh durch die verschneiten Straßen, während die Scheibenwischer im Dauereinsatz versuchen, gegen das aufkommende Schneechaos anzukämpfen. Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass ausgerechnet die moderne Mobilität vor ein paar Zentimetern gefrorenem Wasser kapituliert und die Abreise zu einer unfreiwilligen Verlängerung des Urlaubs im beheizten Cockpit wird. Man blickt aus dem Fenster auf die weiße Weite und fragt sich, ob die Entscheidung für den flachen Sportwagen bei dieser Wetterlage wirklich die strategische Meisterleistung war, für die man sie im Sommer hielt.
Die Kombination aus dem hohen Rückreiseaufkommen und den rutschigen Bedingungen führt dazu, dass der Weg zum Hindenburgdamm momentan eher einer meditativen Übung im Stillstehen gleicht. Wer sich in die Schlange einreiht, sollte genug Zeit und vielleicht eine Thermoskanne voll Humor im Gepäck haben, denn die weiße Pracht kennt keinen Fahrplan. Die Insel scheint ihre Gäste in diesem Jahr besonders innig festzuhalten, als wolle sie sicherstellen, dass jeder das Weiß der Dünen auch wirklich bis zur letzten Sekunde verinnerlicht. Es bleibt die Erkenntnis, dass Sylt einen eben nicht so einfach ziehen lässt, wenn es sich erst einmal in sein schönstes Winterkleid geworfen hat, auch wenn das für die wartenden Autofahrer bedeutet, die Insel noch ein paar Stunden länger durch die beschlagene Windschutzscheibe zu bewundern.
Die Wartezeit liegt im Stundenbereich. Auch in List geht nichts mehr. Die Fähre ist mehr wie überbucht. Unser Tipp: Schnell noch ein Krabbenbrötchen und sich einen Schlitten leihen oder auf der verschneiten Promenade spazierengehen.
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