Morsum trägt Trauer, doch in die Trauer mischt sich tiefe Dankbarkeit. Am 7. März ist Pastor Jochim Hartung im Alter von 95 Jahren friedlich eingeschlafen. Mit ihm verliert Sylt nicht nur einen leidenschaftlichen Seelsorger, sondern ein moralisches Gewissen, das bis zuletzt hellwach blieb.
Ein Kind der Insel mit unerschütterlichem Kompass
Geboren 1931 im Keitumer Pastorat, wurde Jochim Hartungs Weg früh durch die Wirren der Zeit geprägt. Dass seine Familie die Insel verlassen musste, weil die Mutter den Hitlergruß verweigerte, brannte sich tief in sein Verständnis von Glauben und Freiheit ein. Diese Standhaftigkeit bewies er sich selbst und anderen ein Leben lang: Ob als Junge, der trotz Spott zu seinem Glauben stand, oder als 93-Jähriger, der auf den Straßen von Westerland ein unübersehbares Zeichen gegen Rechtsextremismus setzte. Er wusste aus eigener Erfahrung, wie kostbar und zerbrechlich die Demokratie ist.
27 Jahre Herzschlag für Morsum
Nach Stationen auf dem Festland zog es ihn Ende der 60er Jahre zurück in die Heimat. 27 Jahre lang prägte er St. Martin in Morsum. Er war kein Pastor, der nur von der Kanzel sprach – er war Teil des Lebens im Dorf. Ob bei den legendären Nachtwanderungen, den Orgelvespern oder den Gemeindefahrten: Gemeinsam mit seiner Frau Ilse machte er das Pastorat zu einem offenen Haus für jeden.
Geistig fit und „lausbubenhaft“ bis zum Schluss
Auch wir als Redaktion durften die Zusammenarbeit mit Jochim Hartung als besonderes Privileg erleben. Wer mit ihm arbeitete, traf nicht auf einen müden Ruheständler, sondern auf einen Mann, der bis ins hohe Alter geistig topfit war. Sein feiner, oft lausbubenhafter Humor blitzte immer wieder durch und machte jede Begegnung zu einer Freude.

Er besaß die seltene Gabe, Menschen mit seinen Predigten mitten im Kern ihres Wesens zu berühren. Er sprach nicht über Gott – er führte die Menschen zu ihm. Diese Gabe nutzte er sogar noch mit über 90 Jahren, als er während der Corona-Zeit kurzerhand zum „Video-Pastor“ wurde, um den Insulanern Trost zu spenden.
Die letzte Andacht
„Ich wurde in den Ruhestand geschickt – obwohl ich gar nicht wollte“, sagte er einmal schmunzelnd. Und so arbeitete er einfach 30 Jahre lang weiter. Seine letzte Videoandacht hielt er am Neujahrstag 2026. Es war sein letzter großer Gruß an die Gemeinde, bevor er nun selbst die Reise antrat, von der er ein Leben lang erzählte.
Nun schaut Jochim Hartung von oben auf seine geliebte Insel. Er wird fehlen – als Seelsorger, als Mahner und als Mensch mit einem großen Herzen.
Abschied nehmen Die Trauerfeier für Pastor Jochim Hartung findet am 25. März um 12 Uhr in St. Martin in Morsum statt.
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