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Wenn auf Sylt die Strandkörbe auf Reisen gehen

herbst auf sylt
Foto: Redaktion
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Man erkennt den Herbst auf Sylt nicht am Kalender, sondern am Verkehr. Genauer: an Treckern mit Anhängern voller Strandkörbe, die gemächlich über die Insel rollen. Die Körbe sitzen da wie Urlauber auf der Rückfahrt. Ein bisschen zerzaust, ein bisschen sonnengebleicht und noch nicht ganz bereit, nach Hause zu fahren.

Gerade eben, auf der Straße von Wenningstedt nach List, kam mir so ein Transporter entgegen. Beladen bis oben hin mit Strandkörben, unterwegs ins Winterquartier. Bei SYLT1 Audio lief dazu „Radio Orchid“ von Fury in the Slaughterhouse. Spätestens da hat mich die Melancholie eingeholt, mitten auf der Landstraße, zwischen Dünen und Heide. Denn ganz vorbei ist der Sommer noch nicht. Die Herbstferien laufen aus, die Insel ist noch erstaunlich voll. Vor den Bäckereien stehen Schlangen, auf der Friedrichstraße wird noch flaniert, und am Parkautomaten wird noch diskutiert. Der Sommer packt seine Koffer, aber er lässt sich Zeit dabei.  Und trotzdem liegt da etwas in der Luft. Das Licht wird flacher, der Wind ehrlicher, und abends sind die Straßen plötzlich ein paar Autos leerer als gestern.

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Die Insel holt Luft

Kaum sind die letzten Liegestühle eingeklappt, rücken die Handwerker an. Wer jetzt über die Insel fährt, fährt Slalom um Transporter, Gerüste und Schubkarren. Fassaden werden gestrichen, Reetdächer geflickt, Gärten umgegraben. Sylt macht im Herbst, was andere im Frühjahr machen: Großputz. Das hat etwas Rührendes. Die Insel, die den ganzen Sommer funktionieren musste, darf sich endlich ein bisschen pflegen lassen. Und wer genau hinhört, hört zwischen Bohrmaschine und Kreissäge schon die Stille, die bald kommt. Ich kenne diese Stille. Ich bin hier aufgewachsen, und für mich war das immer das eigentliche Sylt. Leere Straßen, Nebel über der Heide, ein Strand, auf dem man stundenlang nur Möwen trifft. Dieses Sylt zieht jetzt langsam wieder ein. Noch zaghaft, noch zwischen zwei Baustellen, aber es ist schon da.

Zwischen Wehmut und Vorfreude

Natürlich ist da ein bisschen Wehmut. Der Sommer war laut, voll und manchmal anstrengend, aber er war eben auch Sommer. Lange Abende, Sand in den Schuhen, das Gefühl, dass die ganze Welt gerade auf dieser Insel Urlaub macht. Auf der anderen Seite steht die Vorfreude auf den Winter. Auf die Zeit, in der man die Straße wieder für sich hat. In der man am Strand seinen Gedanken nachhängen kann, ohne um ein Handtuch herumzulaufen. Und in der endlich die Projekte drankommen, die den ganzen Sommer geduldig in der Schublade gewartet haben.

Noch ist es nicht so weit. Noch rollen die Strandkörbe, noch stehen die Schlangen vor den Bäckereien. Aber die Insel hat schon angefangen, leiser zu werden. Man muss nur ein bisschen genauer hinhören.

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