Die Schlagzeile schreibt sich von selbst, und genau das ist ihr Problem. „Hitler-Rose wuchert unsere Dünen zu.“ „Hat mit Hitler-Rose zu tun.“ Wer diese Woche über Sylt las, konnte den Eindruck gewinnen, in den Dünen von Kampen sei ein historisches Gewächs am Werk, botanisch beglaubigt, mit Eintrag im Bestimmungsbuch.
Nur: In keinem Bestimmungsbuch der Welt steht dieser Name. Die Pflanze heißt Rosa rugosa, zu Deutsch Kartoffelrose, außerdem Apfelrose, Japan-Rose, Kamtschatka-Rose und auf dieser Insel seit Langem schlicht Sylter Rose. Erstbeschrieben hat sie 1784 der schwedische Naturforscher Carl Peter Thunberg, ein Schüler Linnés, der drei Jahre in Japan und am Kap verbracht hatte und mit Herbarmaterial nach Uppsala zurückkam. Sein Kürzel steht bis heute hinter dem Artnamen: Rosa rugosa Thunb.
Thunberg starb 1828. Bis zur Machtergreifung des Massenmörders waren es noch 105 Jahre.
Die Zeitrechnung passt nicht
Der Volksname stammt angeblich daher, dass in der NS-Zeit Bunker an der Küste mit Kartoffelrosen bepflanzt wurden, um sie zu tarnen. Das mag stimmen, robust und dornig ist die Pflanze zweifellos. Nur erklärt es den Namen nicht, denn die Rose war längst da. Nach Europa kam sie um 1845 aus Ostasien, und an den Küsten wurde sie im 19. Jahrhundert flächig gepflanzt, weil sie Sand festhält, Salz verträgt und Frost nicht übelnimmt. Wer in den 1940er Jahren Beton tarnen wollte, musste sie nicht einführen. Er musste sie nur ausgraben, ein paar Meter weiter tragen und hoffen, dass niemand von oben genau hinsah. Der Reichsarbeitsdienst tarnte die Bunker mit der Rose, weil diese zäh war und schnell gewachsen ist. Die Möwen sorgten dann für eine noch schnellere Verbreiterung.
Kurz gesagt: Die Kartoffelrose wuchs an der Nordsee, bevor irgendjemand auf die Idee kam, sie nach jemandem zu benennen, der nichts mit ihr zu tun hatte. Der Name sagt nichts über die Pflanze und viel über den Reflex, jedem Ärgernis eine möglichst laute Vokabel anzuhängen.
So werden Arten tatsächlich benannt
In der Botanik und Zoologie ist es üblich, Arten und Gattungen nach Menschen zu benennen — nach dem Entdecker, dem Erstbeschreiber, einem Lehrer oder einem Geldgeber. Die Liste ist lang und steht in jedem Gartencenter:
- Die Fuchsie trägt den Namen von Leonhart Fuchs, einem Arzt aus Wemding, der 1566 starb. Benannt hat sie der Franzose Charles Plumier, mehr als 130 Jahre später.
- Die Magnolie geht auf Pierre Magnol zurück, die Begonie auf Michel Bégon — beide ebenfalls von Plumier gewürdigt, der Namensvergabe offenbar als Hobby betrieb.
- Die Dahlie ist nach Anders Dahl benannt, einem weiteren Linné-Schüler. Die Zinnie nach Johann Gottfried Zinn, die Forsythie nach William Forsyth, die Kamelie nach Georg Joseph Kamel, die Lobelie nach Matthias de l’Obel.
- Bougainvillea heißt nach Louis Antoine de Bougainville, der die Pflanze allerdings nicht selbst fand. Das erledigte die Besatzung seines Schiffes.
- Der Weihnachtsstern heißt botanisch nach Joel Roberts Poinsett, der Blauregen nach Caspar Wistar, die Gardenie nach Alexander Garden.
- Die Wollemie, ein 1994 in Australien entdeckter Nadelbaum, heißt Wollemia nobilis — nach David Noble, dem Ranger, der sie beim Abseilen in einer Schlucht fand. So geht das.
Bei Tieren dasselbe Bild. Der deutsche Naturforscher Georg Wilhelm Steller reiste 1741 mit Vitus Bering nach Alaska und hat heute eine ganze Sammlung im Namensregister: Stellers Seeadler, Stellerscher Eichelhäher und die Stellersche Seekuh, die 27 Jahre nach ihrer Entdeckung ausgerottet war. Dazu kommen das Przewalski-Pferd nach dem russischen Forschungsreisenden Nikolai Przewalski, Darwins Nasenfrosch, und die Rafflesia arnoldii, benannt nach Stamford Raffles und Joseph Arnold, die sie 1818 auf Sumatra fanden — die größte Einzelblüte der Welt, und sie riecht nach verwesendem Fleisch. Auch das ist eine Form der Ehrung.
Selbst Linné hat sich bedient. Sein Lieblingspflänzchen, ein kleines nordisches Moosglöckchen, heißt Linnaea borealis. Und Thunberg, der Mann mit der Rose, hat ebenfalls eine Gattung bekommen: Thunbergia, die Schwarzäugige Susanne, die in halb Deutschland an Balkongittern hochklettert.
Fällt etwas auf? Keiner dieser Namen ist im Volksmund entstanden. Sie stehen in Publikationen, mit Datum, Autor und nachprüfbarer Beschreibung.
Was auf Sylt wirklich passiert
Unter der Schlagzeile steckt ein ordentliches Naturschutzprojekt. Im Naturschutzgebiet „Dünen- und Heidelandschaft auf dem Roten Kliff“ bei Kampen wurden die Rosen ab Mitte Dezember 2025 maschinell entfernt, verbrannt und die Flächen anschließend mit lichtundurchlässigem Geotextil abgedeckt. Ohne Licht keine Photosynthese, ohne Photosynthese irgendwann keine Wurzelreserven mehr. Zwei bis drei Jahre soll die Abdeckung liegen bleiben. Betroffen sind allein in Kampen rund 9,5 Hektar, inselweit könnten es bis zu 100 Hektar werden. Beteiligt sind der Kreis Nordfriesland, das Landesamt für Umwelt und der Landschaftszweckverband Sylt, mitfinanziert von der EU.
Der Grund ist unspektakulär und einleuchtend: Die Kartoffelrose überwuchert den Strandhafer. Der verankert mit seinem Wurzelwerk den Sand und wächst bei Verwehungen mit; unter den dichten Rosengebüschen bleibt der Boden dagegen locker. Dünen können instabil werden. Dazu kommt der Goldafter, ein Nachtfalter, den Linné 1758 beschrieb, und dessen Raupen ihre Nester bevorzugt in der Kartoffelrose bauen. Seine Brennhaare lösen Hautreizungen und allergische Reaktionen aus. Wer je hineingegriffen hat, hält Geotextil für eine ausgesprochen gute Idee.
Am Rande: Die Zahlen in den Berichten gehen auseinander. Mal sind es fünf Hektar und 400.000 Euro, mal 9,5 Hektar in Kampen, mal Gesamtkosten im Millionenbereich über mehrere Programme. Wer genau wissen will, was die Insel das kostet, fragt besser beim Kreis nach als in der Schlagzeile.
Ein Vorschlag zur Güte
Falls diese Rose unbedingt einen Personennamen tragen soll, gäbe es einen naheliegenden Kandidaten. Er hat sie beschrieben, er hat sie benannt, er hat dafür drei Jahre in Japan verbracht, und er hat sich nie an einem Bunker versucht: Carl Peter Thunberg.
Bis sich das durchsetzt, bleibt sie die Kartoffelrose. Auf Sylt gern auch die Sylter Rose — hübsch anzusehen, hartnäckig bis zur Unverschämtheit, und derzeit unter Teppich.
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