Der Sylter Sommerkalender kennt vor allem zwei Aggregatzustände: laut und sehr laut. Zwischen Strandbar, Kite-Event und Musikmuschel gibt es am Donnerstagnachmittag in Keitum eine dritte Option, und die besteht im Wesentlichen darin, dass jemand die Tür aufmacht und dann nichts weiter passiert.
Das ist das Prinzip der „Offenen Kapelle“ im Kultursommer an St. Severin. Von 16 bis 18 Uhr ist die Kapelle zugänglich, derzeit mit der Fotoausstellung „Novizen“ von Monika Czosnowska. Kein Vortrag, keine Führung, keine Anmeldung – man geht rein, schaut, geht wieder. In einer Woche, in der das Nachbardorf eine komplette Genusswoche stemmt, ist das eine erstaunlich mutige Programmentscheidung.
Davor, um 15:30 Uhr, gibt es die klassische Variante: eine rund einstündige Kirchen- und Friedhofsführung. Und die ist, ohne Umschweife, eine der besten Geschichtsstunden, die man auf dieser Insel bekommen kann. St. Severin steht seit dem 13. Jahrhundert auf dem Geestrücken über Keitum. Der Friedhof drumherum liest sich wie ein Personenregister der Sylter Geschichte – Seefahrer, Walfänger, Kapitäne, Familien, die es nicht mehr gibt. Wer wissen will, wovon diese Insel gelebt hat, bevor sie vom Tourismus lebte, findet die Antwort hier in Stein.
Der ironische Nebeneffekt: Kaum ein Sylt-Urlauber nimmt sich dafür Zeit, obwohl die Führung kostenlos ist und keine sechzig Minuten dauert. Gleichzeitig stehen die Leute im August geduldig zwanzig Minuten für einen Kaffee an. Über diese Prioritätensetzung ließe sich ein eigener Artikel schreiben.
Praktischer Hinweis: Beides lässt sich hervorragend mit der Genusswoche WiR KEiTUM verbinden, die diese Woche das Dorf bespielt. Erst Geschichte, dann Portwein-Tasting – die Reihenfolge sollte man allerdings unbedingt so beibehalten.
Zur Ausstellung selbst: „Novizen“ von Monika Czosnowska ist keine Dekoration. Gezeigt wird eine zwölfteilige Fotoserie, entstanden in einem Kloster bei Posen; eröffnet wurde die Ausstellung am Dienstagabend. Die Fotografin arbeitet seit Jahren mit Porträts, die sich der schnellen Lesbarkeit entziehen – konzentriert, formal streng, ohne den Betrachter an die Hand zu nehmen. In einer Kapelle aufgehängt, entfaltet so etwas eine andere Wirkung als in einem weißen Ausstellungsraum. Wer zwei Minuten stehenbleibt, bekommt mehr davon mit als bei einem geführten Rundgang.
Und eine organisatorische Anmerkung: Die Zeiten überschneiden sich klug. Die Führung endet gegen 16:30 Uhr, die Kapelle ist bis 18 Uhr offen. Man kann also beides an einem Nachmittag mitnehmen, ohne zu hetzen. Wer danach noch bleibt, ist zum Abendprogramm in Keitum ohnehin am richtigen Ort – und der Rückweg nach Westerland ist bei Abendlicht die schönere Hälfte des Ausflugs.
Häufige Fragen
Wann ist die Kirchenführung in Keitum?
Am Donnerstag, 20. August 2026, um 15:30 Uhr. Sie dauert etwa eine Stunde.
Was ist die „Offene Kapelle“?
Ein Format des Kultursommers an St. Severin: Die Kapelle ist von 16 bis 18 Uhr frei zugänglich, aktuell mit der Fotoausstellung „Novizen“ von Monika Czosnowska.
Kostet der Besuch Eintritt?
Nein. Um eine Spende für den Erhalt der Kirche wird gebeten.
Muss ich mich anmelden?
Nein, beide Angebote sind ohne Anmeldung zugänglich. Treffpunkt für die Führung ist der Kirchturm.
- Was: Kirchen- und Friedhofsführung sowie „Offene Kapelle“ mit der Fotoausstellung „Novizen“ von Monika Czosnowska
- Wann: Donnerstag, 20. August 2026 – Führung 15:30 Uhr (Treffpunkt Kirchturm, ca. eine Stunde, ohne Anmeldung), offene Kapelle 16:00 bis 18:00 Uhr
- Wo: Kirche St. Severin, Pröstwai 20, 25980 Keitum
- Eintritt: frei, um eine Spende wird gebeten
- Infos: st-severin.de
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