Heute ist es soweit. Gernot, Angelo und all die anderen, die so hart gekämpft haben, werden heute morgen mit einem Glücksgefühl aufgewacht sein. Dem Gefühl viel Zeit und Leidenschaft geopfert zu haben. Für eine große Sache. Und dem Gefühl es vollbracht zu haben.
Normalerweise veröffentlich man nicht ganze Kapitel aus einem noch im Druck befindlichen Buch, doch der Anlass ist es wert. Die Eröffnung des ersten Teils des Multiparks hat unsere Insel zum Nachdenken gebrachten. Hier also das Kapitel Multipark aus dem Buch Söl. Ich. Ein Geständnis… Das ganze Buch könnt ihr unter www.sylt1shop.de bestellen.
Und natürlich darf ein Film nicht fehlen… Den haben wir übrigens vor Jahren mal aufgenommen…
Kapitel 69 – Der Multipark – Was ich meiner Jugend schulde
Ich habe ein Problem mit meiner Jugend.
Nicht mit der Jugend, die im Sommer kommt — die mit den Surfboards auf
den Dachträgern und den Eltern, die ein Ferienhaus gemietet haben und am
Sonntagabend wieder fahren. Die kenne ich. Die mag ich. Die geht wieder.
Ich meine meine eigene Jugend. Die, die hier aufgewachsen ist. Die, die weiß,
wie der November riecht, wenn die Boutiquen geschlossen haben und der
Wind auf der Friedrichstraße endlich allein ist. Die, die im Winter surft, weil
es im Winter die besten Wellen gibt und weil niemand da ist, der Fotos
macht.
Die verliere ich.
Ein Kind, das auf mir aufwächst, lernt früh, was Wasser ist. Nicht als Kulisse
— als Tatsache. Die Nordsee ist keine Urlaubskulisse, wenn man jeden
Morgen an ihr vorbeifährt. Sie ist Wetter. Sie ist Stimmung. Sie ist der Grund,
warum Schule manchmal ausfällt, und warum man nie vergisst, woher man
kommt.
Die Sylter Kinder, die surfen, haben etwas, das man nicht kaufen kann. Sie
kennen meine Wellen von innen. Sie wissen, welche Stelle vor dem
Brandenburger Strand die Dünung anders bricht als hundert Meter weiter.
Sie haben das nicht aus einem Kurs gelernt. Sie haben es im November
gelernt, im Nieselregen, mit einem Neopren, das noch feucht war vom
Vortag. Und dann werden sie älter. Und eine Wohnung auf mir kostet, was
eine Wohnung auf mir kostet. Und sie gehen. Manche kommen zurück —
wenn sie Geld haben, wenn sie ein Erbe antreten, wenn das Leben sie mit
Umwegen zurückführt. Aber die meisten gehen und kommen nicht wieder.
Sie bauen ihr Leben woanders auf, weil hier kein Platz mehr für sie war. Das
ist der Verlust, den keine Statistik erfasst: nicht die Zahl der Abgemeldeten,
sondern das Wissen, das mit ihnen geht. Die Stellen im Wasser, die Wege
durch die Heide, die Stimmen, die meine Sprache kennen.
Diesen Preis zahle ich seit Langem, ohne ihn je bewusst beziffert zu haben.
Jedes Jahr verliere ich Menschen, die mich wirklich lieben, und ersetze sie
durch Menschen, die mich besuchen oder für ein oder zwei Jahre bleiben. Ein
Insulaner geht, ein Gast kommt, und mein Gedächtnis wird ein Stück
dünner. Ich merke es erst jetzt richtig.
Früher gab es den Bastianplatz. Einen roten Hartplatz aus kleinen Steinen,
die sich in die Knie bohrten, wenn man fiel. Und man fiel. Im Sommer der
Staub. Im Winter der gefrorene Boden und niemand, der aufhörte.
Er ist weg. Wohnhäuser stehen jetzt dort. Eine Insel, die sich selbst nicht
mehr leisten kann, hat immer weniger Raum für das, was keine Rendite
bringt. Der Bastianplatz brachte keine Rendite. Er brachte Kinder, die lernten,
zu fallen und aufzustehen. Das zählt in keiner Bilanz.
Zwischen dem Sylter Aquarium und dem Südwäldchen entsteht jetzt etwas.
Ein Skatepark. Ein Multifunktionsgebäude. Sportanlagen. Kein Provisorium
— etwas, das sagt: ihr seid hier. Ihr gehört hier hin. Nicht als Kulisse für
einen Prospekt, sondern als Menschen, die morgen noch da sind, wenn die
Hochsaison geht.
Ein Skatepark und die Sportplätze sind keine große Geste. Er ist ein
konkreter Satz. Er sagt: Hier darf jemand Lärm machen, der nicht für Gäste
gemacht ist. Hier darf jemand fallen und aufstehen, ohne dass es eine Story
für Instagram wird. Hier darf Jugend einfach Jugend sein — laut, unfertig,
nicht für andere. Auf einer Insel, die sich so teuer verkauft wie ich, ist das
höchst selten. Es ist eine Entscheidung, die ich hätte früher treffen sollen.
Wenn ich sie denn hätte treffen dürfen.
Ich habe Kasernen gesehen, die zu Quartieren wurden. Kurparks, die zu
Urwäldern wurden. Fährhäuser, die zu Hotels wurden. Alles wird
irgendwann etwas anderes — meistens für die, die von außen kommen und
kaufen können.
Was ich selten gesehen habe: dass etwas wird, was denen bleibt, die schon da
sind.
Das ist es, was dieser Platz sein soll. Kein Denkmal. Kein Aushängeschild.
Nur ein Ort, auf dem meine Jugend — die echte, die winterliche, die salzige
— bleibt. Die nicht geht, weil hier endlich etwas für sie da ist. Das schulde ich
ihr. Ich schulde ihr mehr als das. Aber das ist ein Anfang. Und Anfänge
zählen auf einer Insel, die gelernt hat, dass fast alles irgendwann
weggeschwemmt wird — außer dem, was man rechtzeitig festgebaut hat.
↳ Nicht als Tourist hinfahren. Als jemand, der versteht, warum dieser Ort
nicht für den Sommer gebaut wurde.
Multipark Westerland, Beim Südwäldchen, 25980 Westerland, Sylt
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