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Die Frisur der Friesen: Warum das Reetdach Sylts schönste Diva ist
Wer über Sylt spaziert, dem weht nicht nur der Wind um die Nase, sondern es fallen ihm unweigerlich diese Häuser ins Auge: die Friesenhäuser. Und über allem thront er, der Schopf, die Krone, die zottelige Mähne: das Reetdach. Es ist nicht einfach nur ein Dach. Es ist eine Lebenseinstellung, ein Statement gegen die sterile Moderne und die wahrscheinlich teuerste und zickigste Frisur, die man seinem Haus verpassen kann.
Das Reetdach ist die Grande Dame der Sylter Architektur. Es verlangt Liebe, Aufmerksamkeit und vor allem: Geld. Es ist ja nicht so, dass man ein bisschen Schilf draufwirft. Nein, das Reet muss in einer Dicke von mindestens 30 Zentimetern und einer Steilheit wie die Karriere eines Topmodels aufgebracht werden. Nur so kann Regenwasser – die größte Bedrohung der Diva – elegant abperlen. Dies ist Schichtarbeit der Eitelkeit.
Die Diva weiß, dass sie heiß begehrt ist, aber leider auch sehr leicht entflammbar. Deswegen liegen Friesenhäuser oft in gebührendem Abstand zueinander. Es ist quasi das „Social Distancing“ der Bauwelt, um ein Übergreifen der flammenden Leidenschaft zu verhindern. Ihre Versicherung? Die seufzt leise, verlangt aber trotzdem hohe Zuwendungen, denn dieses Weichdach ist ein Risiko, das man für die Schönheit gerne eingeht.
Während man sein Ziegeldach höchstens mal abfegen muss, verlangt die Reet-Diva regelmäßige Kuren. Moos, Algen und der ganze nordische Dreck müssen runter. Wer das vernachlässigt, dem antwortet das Dach beleidigt mit „Lebensdauerverkürzung“. Dies ist die jährliche Beauty-Kur, die ein Reetdach für sein langes Leben einfordert.
Man muss ihr die Macken verzeihen, denn funktional ist die Reet-Diva unschlagbar. Wenn man im Sommer an einem Reetdachhaus vorbeigeht, ist es drinnen herrlich kühl. Im Winter? Kuschelig warm. Das Reet wirkt wie eine natürliche Klimaanlage und eine ökologische Daunenjacke in einem. Es ist das beste Argument gegen die kalten Nordseewinde. Und ganz ehrlich: Welches Ziegeldach kann von sich behaupten, dass Vögel es für ein verlockendes Futterplätzchen halten? Das ist dann die humoristische „Nebenkostenabrechnung“.
Früher stammte das Schilf direkt aus den Norddeutschen Marschen. Heute? Da hat die Sylter Diva ihren persönlichen Schilf-Lieferanten meistens in Übersee oder Osteuropa. Die hohen Ansprüche und die immense Nachfrage machen aus dem ehemals lokalen Baustoff ein internationales Importgut. Man könnte sagen: Das Reetdach ist nicht nur optisch, sondern auch weltgewandt.
Ein Reetdach auf Sylt ist mehr als nur eine Eindeckung. Es ist ein Bekenntnis zur friesischen Tradition, ein Statussymbol und ein täglich gelebtes Meisterwerk des Handwerks. Wer unter einem Reetdach wohnt, hat vielleicht ein paar Sorgen mehr, lebt aber garantiert unter der schönsten und gemütlichsten Mähne der Nordseeinsel.